Spider Hider

(aus “Chilling Tales” Nr. 13, im Dezember 1952 von Youthful Comics veröffentlicht)

Schon der Titel (und die dazugehörige Eröffnungsseite) begeistern mich: Das Reimspiel „Spider Hider“ kann man nicht ins Deutsche übertragen, aber es geht darum, dass sich ein Soldat auf einer einsamen Insel eine tückische Seuche einfängt – und diese in der Heimat zu verbreiten beginnt.

Der Text beginnt verheißungsvoll mit einer Warnung: „Schrei nur – so laut und oft wie du willst. Es ist nutzlos. Alle Hysterie und Fluchtversuche können dich nicht retten! Ahnst du denn nicht, du Narr, dass die Person neben dir, hinter dir, die auf dich zukommt… ein Spinnen-Brüter ist!?“ – jawohl.
Spinnengrusel in einer neuen, schrecklichen (vor allem schrecklich gezeichneten!) Dimension hier auf FIFTIES HORROR.

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Das Artwork (Vince Napoli) ist stümperhaft und grausam – aber ich mag es!

Die Geschichte ist so gut (auch in der wunderbaren ersten Person geschrieben), dass die Zeichnungen ihr nichts anhaben können. Napolis Gekritzel hat doch einen eigenen Charme, es ist mir lieber als die austauschbare 08/15-Horrorware der sonstigen „Italiener“ im Gruselcomic wie Forte, Belfi, Trapani, Forgione, DiPreta, D’Agostino, Giacoia, Mortellaro, Giunta, Premiani und Ravielli.

Und diese sagenhaft schlechte Splashpage mit den Riesenfüßen ist pures Gold. Sieht aus wie miserabelstes Fanzine. Ich freue mich sehr, dieses Heft erstanden zu haben und „Spider Hider“ in einer Weltpremiere zeigen zu dürfen.

Ich versuche mir vorzustellen, wie andere Künstler diese Geschichte gestaltet hätten. Graham Ingels kommt dem Look von Napoli nahe, hätte in seiner Detailliertheit aber zu widerlich gewirkt. Bei Bob Powell wäre es karikaturesk und lächerlich geraten. Das Iger Studio hätte es komplett auf Farce gebürstet. Der fiebrig-vage Stil von Napoli geht in seiner kindhaften Abstraktion schon sehr in Ordnung!

Und was noch schöner ist:  FIFTIES-HORROR-Mitarbeiter Sebastiano Trebastoni sieht in „Spider-Hider“ die Vorlage für den Film „BUG“ aus dem Jahre 2006!

Hier sein Kommentar:

BUG basiert auf einem 1996 erschienen Theaterstück von Tracy Letts, welches ich nicht gelesen habe. Regie führte niemand geringeres als William Friedkin, der auch für Werke wie Der Exorzist, French Connection oder Das Kindermädchen bekannt ist (Ok, Das Kindermädchen ist vielleicht nicht sein bekanntester, aber wird oft genug übergangen).

Praktisch der gesamte Film spielt in einem schäbigen Motelzimmer. Dort lebt die Hauptfigur, Agnes, eine Kellnerin mit Alkohol- und Drogenproblem. Eines Tages stellt ihr ihre lesbische Freundin den Kriegsveteran Peter vor. Sie bietet ihm an, einige Tage bei ihr zu bleiben und er zieht ein. Agnes hat auch Angst, dass ihr brutaler Ex-Knacki-Ex-Ehemann zurückkommt, dieser spielt jedoch nur am Rande eine Rolle. Den Kern der Handlung stellt das Verhältnis zwischen Peter und Agnes dar.
Man kann man gleich vorweg sagen, dass der Film (wie es für die Leinwandadaption eines Theaterstücks zu erwarten war) sehr dialoglastig ist und auf Action oder Effekte annähernd komplett verzichtet.

Peter entpuppt sich im Verlauf der Handlung immer mehr als scheinbar Wahnsinniger. Er beginnt im Zimmer nach Käfern zu suchen und behauptet, es wäre verwanzt. Später spricht er von Käfern unter seiner Haut und in seinem Blut. Zum Ende hin gipfelt es in totaler Paranoia, er spricht von Chips im Gehirn des Menschen, eine Verschwörung der Regierung, Nazi-Ärzten und dass das Militär Experimente mit ihm gemacht und nun hinter ihm her wäre, da er die Wahrheit herausgefunden hätte. Interessant ist das Ganze, da der Wahnsinn scheinbar langsam auf Agnes überzuspringen scheint und sie auch beginnt, Käfer zu sehen und an Verfolgung zu glauben. Hierbei hält der Film jedoch sehr kunstvoll die Waage, sodass der Zuschauer niemals ganz sicher ist, inwieweit Peter einfach nur wahnsinnig ist oder seine Geschichte vielleicht tatsächlich stimmt.

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Beim Klicken auf das Filmposter öffnet sich der Trailer zu „Bug“!

Da es wenig Sinn macht, noch viel detaillierter auf die Handlung einzugehen (sonst wäre es schneller, den Film zu gucken, als all das hier zu lesen), beschäftigen wir uns doch direkt mit den Parallelen zum Comic:

Als Allererstes ist auffällig, dass, auch wenn die Handlung natürlich abgewandelt ist, die Hauptfigur in BUG praktisch die gleiche wie in SPIDER HIDER ist.
Ein Kriegsveteran, der unter Paranoia leidet, glaubt, dass Insekten unter seiner Haut leben (ok, Spinnen sind keine Insekten, geb ich zu, aber verdammt nah dran) welche dort brüten und auch andere Menschen befallen.
Auch dass es sich bei beiden Figuren scheinbar um ziellose Einzelgänger handelt, passt zusammen.

Eben genau dieses Übertragen der Tierchen von einem Menschen zum nächsten kommt aus dem Comic. Dort hat es allerding, wir erinnern uns, sehr schnell tödliche Folgen. Im Film wird es so dargestellt, dass sich Agnes aufgrund der „Infektion“ den gleichen Wahnvorstellungen hingibt wie Peter, was gegen Ende des Films sogar so weit geht, dass sie gemeinsam halluzinieren.

Auch Paranoia ist eindeutig ein zentraler Aspekt der Handlung sowohl bei SPIDER HIDER als auch bei BUG. Im Comic wird sie bereits im Eröffnungstextkasten thematisiert. Bei BUG steigern sich beide Protagonisten in eine Spirale aus immer wilderen Paranoia- und Verschwörungstheorien. Dann bekommt der Protagonist im Comic von einem Arzt gesagt, dass die Spinnen nur Einbildung sind. Im Film taucht später auch ein Arzt auf, der behauptet, dass Peter schlicht und einfach ein Psychopath ist.

Die interessanteste Gemeinsamkeit ist jedoch weniger inhaltlicher als stilistischer Natur: Im Comic sieht man die Spinnen kaum. Besonders auf den Bildern, in denen sie aus den Fingern des Protagonisten platzen, kann man ohne die Captions kaum verstehen, was passiert. Der Grund dafür ist, so nimmt man an, dass Zeichner Vince Napoli beim Zeichnen einfach immer besoffener wurde. Allerdings kann man die Zeichnungen auch anders interpretieren: Dadurch, dass diese Schlüsselszenen außerhalb des Bildes stattfinden, kann der Leser nicht mit Sicherheit sagen, ob sie tatsächlich passieren oder sich nur in der Vorstellung des Protagonisten abspielen.

Klingt das weit hergeholt? Vielleicht. Allerdings wird genau dieser Kniff auch im Film übernommen. Im ganzen Film sieht man keinen einzigen Käfer. Egal, ob Peter ihn auf der Matratze oder unter dem Mikroskop in seinem Blut entdeckt, die Kamera bleibt immer so weit entfernt, dass der Zuschauer selbst nicht sehen kann, ob da wirklich ein Käfer ist.

Bug_BMYNS4Der Zuschauer bekommt nur erzählt, was die Figuren glauben zu sehen. Die Unsicherheit im Film, ob da wirklich Käfer sind, lässt sich also, egal ob die Filmemacher SPIDER HIDER tatsächlich kannten oder nicht, auf den Comic zurückführen.
Während man dieses Stilmittel bei Vince Napoli noch als Anzeichen für schludriges, schnelles Arbeiten ansehen konnte, so muss man bei Friedkin, einem versierten Regisseur mit vielen Jahren Berufserfahrung, von einer absolut bewussten Entscheidung ausgehen.
Es endet schließlich damit, dass die Figuren im Film, wie im Comic ebenfalls angedeutet wird, als letzte Konsequenz den Tod wählen.

Wir kommen also zu dem Schluss, dass der Film BUG von 2006 eindeutig große Teile seiner Handlung aus dem 1952 veröffentlichten Comic SPIDER HIDER übernommen hat. Hierbei fällt es schwer, an einen Zufall zu glauben. Ob Autor Tracy Letts diesen Comic allerdings tatsächlich gelesen hat ist jedoch nicht nachzuprüfen, auf jeden Fall ist nichts bekannt, was darauf hindeuten würde. Somit bleibt letzten Endes trotz aller Erkenntnis nur ein weiteres Mysterium, welches die Pre-Code-Horrorcomics und ihr Vermächtnis umgibt.

Mehr über den Einfluss der Precode-Horrorhefte:
Vergleich des Comics „The Resurrected Head“ mit dem 1962er Film „The Brain That Wouldn’t Die“ HIER.

 

4 Gedanken zu „Spider Hider

  1. Jasper Bark

    The story is absolutely great Tillman. However, while I agree with a lot of your comments about Vince Napoli’s art, I can offer two observations based on my time as a comics pro. One is that by the look of the pages Napoli wasn’t entirely sober while drawing many of these panels (those precode horror artists sure did love their booze). Secondly that he didn’t read the script properly (probably because he was too drunk to make out those tiny typewritten words), because he is obviously not drawing what’s happening in the story. It looks in some places as though towards the end of the strip he has read the first sentence of the panel description and ignored the rest. So we get close ups of fingers with no boils. No spiders break out of these boils even though the captions make reference to this and the art seems to veer further away from the story the closer we get to the end. Most likely it was finished in a bit of a stupor. A shame really, as it’s a great story and deserved better.

  2. Fifties Horror Artikelautor

    Angeblich existieren tatsächlich noch einige wenige, weitere Horrorgeschichten illustriert von Vince Napoli.
    Da komme ich sobald aber nicht dazu… Hab ja noch einen Stapel ungesehener Hefte zu verarbeiten!
    Ob Mr. Napoli bei Ausführung der obigen Arbeit tatsächlich BESOFFEN war (wie Leser Jasper Bark spekuliert), wissen wir natürlich nicht.
    Richtig ist, dass in „Spider Hider“ bestimmte grafische Details fehlen oder vergessen wurden. Auch der Wahrheit entspricht, dass viele Zeichner dieser Generation mit Alkoholabhängigkeit gekämpft (aber dennoch atemberaubende Kunst abgeliefert) haben. Nicht so Vince Napoli.

  3. comicrichy

    Vince Napoli, ein verkanntes Genie ?
    Man sollte sich nicht durch den Zeichenstil beirren lassen.
    Allein die Atmosphäre zählt. Die Wirkung setzt ein, wenn man jedes
    Panel minutenlang betrachtet. Ist auf alle Fälle ein Versuch wert.
    Folgeschäden sind nicht zu befürchten !

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