{"id":3606,"date":"2013-08-06T11:45:05","date_gmt":"2013-08-06T09:45:05","guid":{"rendered":"http:\/\/fifties-horror.de\/?page_id=3606"},"modified":"2013-08-06T15:03:44","modified_gmt":"2013-08-06T13:03:44","slug":"wie-ich-in-den-sog-des-horrors-geriet","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/fifties-horror.de\/?page_id=3606","title":{"rendered":"Wie ich in den Sog des Horrors geriet"},"content":{"rendered":"<p><em>(eine schockierend pers\u00f6nliche Beichte von unserem Herausgeber)<\/em><\/p>\n<p>Ich war ein schlimmer Comic-Nerd. Mehr in Parallelwelten unterwegs als ich selber wahrhaben wollte. Die Abgangszeitung meiner Schule jedenfalls spottete \u00fcber mich: \u201eSein bester Freund ist Donald Duck\u201c \u2013 und das war absolut korrekt.<\/p>\n<p>Meine Freunde hie\u00dfen jedoch nicht nur Donald Duck und Asterix, sondern auch Tim und Struppi, Spirou, Alfred E. Neumann, Andy Morgan, Arzach, Krazy Kat, Little Nemo und The Spirit. Mit 19 Jahren hatte ich nicht nur den deutschen Markt abgegrast, nicht nur alle greifbare Sekund\u00e4rliteratur \u00fcber Comics verschlungen, ich importierte auch flei\u00dfig Comichefte aus dem Ausland. Das ging \u00fcber Spezialbuchversande, die noch per Nachnahme an der Haust\u00fcr kassierten \u2013 darunter \u00fcbrigens der K\u00f6lner \u201eTaschen\u201c-Verlag, der heute teure Kunstb\u00e4nde produziert (und immerhin seine Anf\u00e4nge als kleine Comicklitsche hinterm Neumarkt nicht verleugnet, siehe deren Webseite www.taschen.com, Rubrik \u201e\u00dcber uns\u201c).<\/p>\n<p>Die Lekt\u00fcre von US-Comics verschaffte mir brillante Englischkenntnisse (was habe ich als Sch\u00fcler freiwillig Vokabeln gepaukt!) und \u00f6ffnete meinen Horizont f\u00fcr die globale Kunst des Comic. Sehns\u00fcchtig begehrte ich die (preislich nahezu unerschwinglichen) B\u00e4nde aus Russ Cochran\u2019s \u201eComplete EC Library\u201c, die ab 1979 herauskamen. Tagelang w\u00e4lzte ich den \u201eOverstreet Comic Book Price Guide\u201c und notierte mir, welche Zeichner wie oft in welchen Heftserien vertreten waren. Pro Schuber kosteten diese fabelhaften 50er-Jahre-Nachdrucke in \u00fcberformatigem Schwarz-Wei\u00df an die 250 DM \u2013 eine Rieseninvestition f\u00fcr einen Sch\u00fcler! Ich entschied mich f\u00fcr THE CRYPT OF TERROR, kratzte das Geld zusammen, bestellte und lauerte anschlie\u00dfend wochenlang auf den Paketpostboten.<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-full wp-image-380 alignnone\" title=\"CryptComplete\" alt=\"\" src=\"http:\/\/fifties-horror.de\/filecollection\/2011\/04\/CryptComplete.jpg\" width=\"620\" height=\"399\" srcset=\"https:\/\/fifties-horror.de\/filecollection\/2011\/04\/CryptComplete.jpg 620w, https:\/\/fifties-horror.de\/filecollection\/2011\/04\/CryptComplete-300x193.jpg 300w\" sizes=\"(max-width: 620px) 100vw, 620px\" \/>Kaum eingetroffen, hatte ich noch mehr englische Vokabeln zu lernen: \u201estrange\u201c, \u201eweird\u201c, \u201einsane\u201c, \u201esickening\u201c, \u201ecorpse\u201c, \u201ecoffin\u201c, \u201ecauldron\u201c, \u201erepulsive\u201c, \u201efiend\u201c, \u201ebrain\u201c oder \u201eevil\u201c waren wichtig. Seitdem war ich ein Fan der Entertaining Comics aus New York. Knapp 30 Jahre sp\u00e4ter besitze ich eine komplette \u201eComplete EC Library\u201c und liebe es in diesen herrlichen Prachtb\u00e4nden zu schm\u00f6kern. Tats\u00e4chlich habe ich im Fr\u00fchjahr 2010 mein Fachwissen zusammengenommen und einen Eintrag f\u00fcr die deutsche Wikipedia geschrieben (siehe dort, Stichwort \u201eEC Comics\u201c). Da ich nicht lexikalisch schreiben kann, findet sich dort nur eine \u201everst\u00fcmmelte\u201c Fassung. Der vollst\u00e4ndige Essay mit Gags, Anekdoten und pers\u00f6nlichen Wertungen findet sich auf der Seite &#8222;EC Comics&#8220; (siehe Men\u00fcleiste).<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft size-full wp-image-382\" title=\"TTTTT\" alt=\"\" src=\"http:\/\/fifties-horror.de\/filecollection\/2011\/04\/TTTTT.jpg\" width=\"300\" height=\"428\" srcset=\"https:\/\/fifties-horror.de\/filecollection\/2011\/04\/TTTTT.jpg 300w, https:\/\/fifties-horror.de\/filecollection\/2011\/04\/TTTTT-210x300.jpg 210w\" sizes=\"(max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><\/p>\n<p>Die Begeisterung f\u00fcr EC allein erkl\u00e4rt noch nicht den Abstieg in die Welt des nostalgischen 50er Jahre-Horrors. Die f\u00fcr mich weiterf\u00fchrende Droge hie\u00df \u201e<span style=\"color: #ff0000;\">Tales Too Terrible To Tell<\/span>\u201c. Dieses Fanzine (\u201efan-zine\u201c, Fan-Magazine, eine Zeitschrift von Fans f\u00fcr Fans) erschien in den Jahren 1991-1993 und widmet sich explizit der EC-Konkurrenz. In insgesamt 11 Ausgaben pr\u00e4sentiert George Suarez seine pers\u00f6nliche \u201cTerrology\u201d, ein Kompendium von Pre-Code-Horrorcomics (meint die Zeitspanne von 1950 bis 1955, als der Comics Code in Kraft trat und den Horrorboom beendete).<\/p>\n<p>Mit h\u00f6chster Akribie hat Suarez kategorisiert, gewertet und gez\u00e4hlt: Welche Verlage haben in welchen Jahren wie viele Horrorhefte ver\u00f6ffentlicht, und welche Serien sind \u00fcberhaupt Horrorcomics (in Abgrenzung zu den Genres \u201ecrime\u201c und \u201escience fiction\u201c)? Er kommt auf 28 Verlage, die insgesamt ca. 1.450 Hefte herausgebracht haben. Eine brutale Schwemme, die sich kaum vorstellen l\u00e4sst. K\u00f6nnten Comicfreunde einen Trip in einer Zeitmaschine buchen, sie w\u00fcrden sich an einen Kiosk der 50er Jahre beamen lassen.<br \/>\nDer Sammler Suarez berichtet, dass er bei der Lekt\u00fcre der Hefte einen \u201ereluctant respect\u201c entwickelt habe, also in seiner Wahrnehmung einen \u201eRespekt wider Willen\u201c erlebte, seine Achtung vor und seine Freude an der EC-Konkurrenz nahmen mit der Zeit immer mehr zu.<\/p>\n<p>Tats\u00e4chlich hat das Studium dieser Werke auch bei mir einen Entdeckergeist entfacht. Viele Geschichten sind allerdings nicht der Rede wert, ihre Plots verpuffen, ihr Artwork ist austauschbar, sie sind stillose Verlegenheitsl\u00f6sungen oder illustrierte Seitenf\u00fcller. Aber dann st\u00f6\u00dft man auf solche, die einen innerlich jubeln lassen. Ich teile dabei ein in drei Kategorien:<\/p>\n<h3>The Good, The Bad and The Ugly.<\/h3>\n<p>\u201e<span style=\"color: #ff0000;\">The Good<\/span>\u201c sind die wirklich guten Geschichten. Literarisch sauber gestrickt und mit ber\u00fchrenden Charakteren ausgestattet. Das Artwork ist dabei beinahe nebens\u00e4chlich. Ich kenne unspektakul\u00e4r gezeichnete Stories, die dennoch memorabel sind, weil sie inhaltlich brillieren. In jedem EC-Heft findet sich wahrscheinlich (mindestens) eine.<\/p>\n<p>\u201e<span style=\"color: #ff0000;\">The Bad<\/span>\u201c allerdings sind meine Lieblinge. Das sind die bl\u00f6dsinnigen, die rammd\u00f6sigen, die total hirnrissigen Machwerke. Die unfreiwillig komischen, unm\u00f6glichen und absurd grotesken Geschichten. Protagonisten sind meist verr\u00fcckte Wissenschaftler und irre K\u00fcnstler, die die Welt vernichten wollen, Killerpflanzen z\u00fcchten oder sich auch \u201enur\u201c eine Frau bauen. Ich bin von Beruf Komiker und habe ein gro\u00dfes Herz f\u00fcr Unsinn jeder Coleur. EC hat sowas nicht produziert. Die \u201ebaddies\u201c sind auch kaum reproduziert (\u201eGreen Horror\u201c in FOUR COLOR FEAR ist so eine Ausnahme, auch \u201eFlat Man\u201c in MR. MONSTER\u2019S HI-SHOCK SCHLOCK Nr.1 von Eclipse Comics sowie \u201eDeath Kiss\u201c aus den TALES TOO TERRIBLE TO TELL Nr. 3), man muss sie wirklich ausgraben. Miserable Dialoge oder Handlungspr\u00e4missen jenseits aller Glaubw\u00fcrdigkeit sind dabei gute Anhaltspunkte. Darum pr\u00e4sentiere ich als meinen Schwerpunkt die echt kranken Dinger zur Belustigung einer staunenden \u00d6ffentlichkeit.<\/p>\n<p>\u201e<span style=\"color: #ff0000;\">The Ugly<\/span>\u201c nenne ich die Geschichten, die auf vordergr\u00fcndige Geschmacksverletzungen hinauslaufen. Die Handlung ist meist fadenscheinig und konstruiert und nur auf das blutige Ende ausgerichtet. Hier spritzt Blut, hier werden K\u00f6pfe abgeschlagen, hier werden K\u00f6rper aufgel\u00f6st. Es z\u00e4hlt der reine \u201eshock value\u201c. Suarez hat mit Hingabe solche Stories dokumentiert. Ein Beispiel aus dem EC-Stall w\u00e4re wohl \u201eFoul Play\u201c von Jack Davis.<\/p>\n<p>Auf unserer LESEWIESE habe ich noch die Kategorie &#8222;<span style=\"color: #ff0000;\">Just Crazy<\/span>&#8220; addiert &#8211; f\u00fcr Geschichten, die ihr Dasein irgendwo im Fegefeuer zwischen Good, Bad und Ugly fristen.<\/p>\n<div id=\"attachment_383\" style=\"width: 630px\" class=\"wp-caption alignnone\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-383\" class=\" \" title=\"FlatMan1\" alt=\"\" src=\"http:\/\/fifties-horror.de\/filecollection\/2011\/04\/FlatMan1.jpg\" width=\"620\" height=\"935\" \/><p id=\"caption-attachment-383\" class=\"wp-caption-text\">Hier die &#8222;origin story&#8220; des legend\u00e4ren Anti-Helden &#8222;Flat-Man&#8220;&#8230;<\/p><\/div>\n<p>Ich verdanke Suarez (der heute wie damals schon als Herausgeber bei der \u201eNew England Comics Press\u201c arbeitet) die Erweiterung meines Horizonts \u2013 \u00fcber den Kanon von EC hinaus.<\/p>\n<p>Und man lernt neue K\u00fcnstler kennen, die einen stilistisch erfreuen. Suarez entrei\u00dft einen K\u00fcnstler dem Vergessen, den sonst niemand mehr auf dem Schirm hatte: Rudy Palais. Suarez schreibt ihm Dutzende von Horrorgeschichten aus den Serien \u201eBlack Cat Mystery\u201c, \u201eChamber Of Chills\u201c, \u201eTomb Of Terror\u201c, \u201eWitches Tales\u201c (alle Harvey-Verlag) sowie \u201eHorrific\u201c und \u201eWeird Terror\u201c (Comic-Media-Verlag) zu.<\/p>\n<p>Palais ist in der Tat wundervoll und zeichnet sich durch drei Besonderheiten aus: A) seine Seiten-Layouts sind oft aufgerissen durch zentrierte Panels oder rahmensprengende Details. B) Gerne ziehen Rauchschwaden durch seine Bilder (an allen Orten, wo Kerzen hinpassen, postiert Palais schwelende Kerzen). C) Seine Figuren schwitzen. Sichtbar und heftig. Egal, ob M\u00e4nnlein oder Weiblein, sie schwitzen. Und zwar nicht mit vornehmen Perlen wie bei ECs Johnny Craig, sondern in langtropfigen Rinnsalen, als h\u00e4tte sich ihr Haupt in den Brausekopf einer Dusche verwandelt. Sehr eigen und dem Gruselgenre h\u00f6chst angemessen. Charmant und markant.<\/p>\n<p>Also Faustregel f\u00fcr den Zeichner-Scout: Schwei\u00df + Rauch = Rudy Palais. In seiner fr\u00fchen Phase (1951\/52) h\u00e4lt er sich noch zur\u00fcck, aber dann bricht es f\u00f6rmlich aus ihm heraus\u2026<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" title=\"Palais7\" alt=\"\" src=\"http:\/\/fifties-horror.de\/filecollection\/2011\/04\/Palais7.jpg\" width=\"620\" height=\"926\" \/>Man stelle sich vor, Palais h\u00e4tte zum EC-Stall geh\u00f6rt. Anstelle von Joe Orlando zum Beispiel. Das h\u00e4tte gut gepasst. Und Jack Kamen w\u00e4re durch Bob Powell ersetzt worden. Und die versprengten Geschichten von Check\/ Roussous\/ Larsen w\u00e4ren allesamt von Joe Kubert und\/ oder Alex Toth illustriert worden. Naja, tr\u00e4umen wird man wohl d\u00fcrfen\u2026<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>(eine schockierend pers\u00f6nliche Beichte von unserem Herausgeber) Ich war ein schlimmer Comic-Nerd. Mehr in Parallelwelten unterwegs als ich selber wahrhaben wollte. Die Abgangszeitung meiner Schule jedenfalls spottete \u00fcber mich: \u201eSein bester Freund ist Donald Duck\u201c \u2013 und das war absolut korrekt. Meine Freunde hie\u00dfen jedoch nicht nur Donald Duck und Asterix, sondern auch Tim und [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":4,"featured_media":3802,"parent":3594,"menu_order":6,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","template":"page-wissen.php","meta":{"footnotes":""},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/fifties-horror.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/pages\/3606"}],"collection":[{"href":"https:\/\/fifties-horror.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/pages"}],"about":[{"href":"https:\/\/fifties-horror.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/page"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/fifties-horror.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/4"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/fifties-horror.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=3606"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/fifties-horror.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/pages\/3606\/revisions"}],"up":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/fifties-horror.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/pages\/3594"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/fifties-horror.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/media\/3802"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/fifties-horror.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=3606"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}