(aus “The Thing” Nr. 7, im März 1953 von Charlton Comics veröffentlicht)
Auf dem Gelände eines College geschehen brutale Morde. Professor Thaddeus befeuert Gerüchte, der Täter könne ein übernatürliches Wesen sein! Damit macht er sich bei den hübschen Studentinnen beliebt. Thaddeus wird süchtig nach Anerkennung (und diesen entzückenden jungen Damen!). Vielleicht sollte er dennoch keine Morde begehen, um die Chose am Laufen zu halten…
Die Gorgonen sind der griechischen Mythologie zufolge Wesen, deren Blick den Betrachteten zu Stein erstarren lässt. Die prominenteste „Gorgo“ (korrekter Singular!) ist natürlich Medusa, bekannt aus Film, Funk und Fernsehen. Weshalb die namenlose Gorgo dieser Comicgeschichte ihre Opfer zu Tode kratzt (anstatt ihre fabelhafte Superkraft einzusetzen), bleibt das Geheimnis der Comicautoren.
(Natürlich deshalb, weil es in diesem Fall keinen Nachahmungstäter geben könnte!)
Doch erfreuen Sie sich zunächst an dieser spinnerten Geschichte als Weltpremiere auf FIFTIES HORROR. Auch hier haben wir nicht gescannt, sondern fotografiert! Ein süddeutscher Sammler (der anonym bleiben will) hat mir ein paar Hefte unter die Linse gelegt, die noch nicht im Netz zu finden sind.
Wie ein Mystery-Krimi montiert ist diese seltsame Geschichte um den Dorfdeppen, der Leichen findet und das Gerücht von der mordenden Gorgo in Umlauf bringt.
Die Handlung wird erstaunlich dicht, rasant und unterhaltsam erzählt. Diese sieben Seiten setzen kein Fett an: Leichenfund und Gorgo-Gerücht, professorales Poussieren und Herstellen der Mordwaffe, Beseitigung lästiger Vorgesetzter und Vermählter, Leben wie Gott auf dem Campus und dann auf Freiersfüßen in den Untergang.
Nette Pointe am Schluss ist, dass der windige Professor noch für einen Helden gehalten wird – weil er dem Monstrum vermeintlich eine Hand abreißen konnte.
Das schmierige Artwork korrespondiert in „The Gorgon’s Claw“ der Schmuddeligkeit des Geschehens. Willkommen in der perversen Welt des frühen Horrorcomics, wo Ehen bestenfalls Zweckgemeinschaften sind, wo ein Menschenleben nichts wert ist, wo die Versuchung jedes Mittel rechtfertigt.
Das kann man „krank“ nennen, aber schauen Sie sich die letzte Seite an. Die Wandlung der divenhaften Diane in das sehr männlich wirkende Schreckgespenst, die Bestrafung des Übeltäters und der grüßende Abflug vor dem Vollmond sind eindeutige Überzeichnungen.
Der Schrecken löst sich in Groteske auf. Wer sowas ernst nimmt, hat einen kompletten Zweig der Kultur nicht verstanden. Und zwar den der herrlich frechen Comicheftchen.
Das war ja das Problem besorgter Eltern, Lehrer, Pfarrer und Psychologen (Grüß Gott, Dr. Wertham!). Ich darf HIER verweisen auf meinen Essay zur kritischen Rezeption der Comics in den frühen 50er Jahren.
Noch angehängt ist hier das Titelbild zum Heft THE THING #7, in welchem „The Gorgon’s Claw“ erschien. Die Cover-Szene ist weitaus drastischer als das, was wir innendrin serviert bekommen. Auch das kann man verwerflich finden, ist aber nur ein Marktinstrument der Werbung. Wie viele Filmposter sind reißerischer als das Werk selbst?
Ich jedenfalls schieb mir jetzt eine Pizza in den Ofen – die sieht auf der Verpackung superlecker aus…