Okay, es ist Trash…

Meistens. Hauptsächlich. Nicht immer. Aber in der Regel schon. Die Comics der 50er Jahre strotzen vor Naivität und wissenschaftlicher Ahnungslosigkeit.

Da latscht ein Superverbrecher beispielsweise in eine Atomanlage, um das dort lagernde Uran zu stehlen. Natürlich „to rule the world, ha ha ha ha“! Das Uran liegt wie Kohlehaufen in einem Zimmer herum, scheint aber sehr heiß zu sein, denn der Bösewicht fängt in seiner Nähe Feuer und – schmilzt. Nur sein Hut bleibt auf einer pfannkuchenartigen Pfütze liegen.

Anderes Beispiel: ein einsamer (und wahrscheinlich im Hirnstübchen nicht ganz sauberer) Wissenschaftler konstruiert sich einen weiblichen Androiden (äußerst sexy), bekommt aber dessen Kuss-Stärke nicht reguliert. Das Wesen läuft Amok und küsst mehrere Männer zu Tode. Am Ende natürlich auch seinen Schöpfer. What a way to go. Und das alles nur mit Küssen…

Das Grauen schleicht sich gerne aus dem Dunkel heran…

Toll auch die Mär vom platten Mann. Ein Autofahrer hält am Straßenrand an, weil ihm schwindlig ist – prompt wird er von einem betrunkenen Dampfwalzen-Lenker platt gemacht.
Der Mann ist mitnichten tot (die Ärzte rätseln), sondern einfach bloß platt wie eine Stulle. Er beschließt seine Fähigkeit gewinnbringend einzusetzen und flundert sich des Nachts bei Banken unter der Türe durch und greift große Scheine ab.
Solchermaßen reich geworden, sucht er eine Frau. Die er findet, will natürlich nur sein Geld und schlimmer noch: ihn vergiften. Das bekommt der Mann rechtzeitig spitz, schäumt vor Wut und wirft seine bessere Hälfte unter (na?) eine Dampfwalze!
Dummerweise gerät er mit unter die Räder und das feine Pärchen endet als blutiger Klumpatsch im Straßendreck.

Das ist völlig daneben. Und absolut wundervoll. Genau dieser Geist ist es, der diese Comics durchzieht.

Das Böse existiert. Aber es tanzt auf einem äußerst schmalen Grat der Lächerlichkeit.

Man kann diesen Schrecken einfach nicht ernst nehmen. Und aus der Rückschau denkt man: Das können die nicht wirklich so gemeint haben. Oder?

Auch totale Unmöglichkeiten werden salopp als realistisch in den Raum gestellt. So krankt Reed Crandalls wirklich brillante Horrorgeschichte „The Corpse Who Came To Dinner“ am quatschigen Ende. Der Leichnam, der tagelang das Liebespaar belagert, ist kein Leichnam, sondern nur so geschminkt wie einer?! Und das soll nicht aufgefallen sein? Aaarrgh.

Eine Jagdpartie in der Wildnis wird von einem riesenhaften Drachen angefallen. Was kommt raus? „A pack of gunmen operating a mechanical monster“ – eine Truppe Gangster bewegt einen künstlichen Drachen durch die Gegend, um Zeugen zu verscheuchen. Wie soll das denn funktionieren? Hilfeee!

Die Statue der Todesgöttin Kali ist keine Statue, sondern ein tibetischer Mönch, der gelernt hat, lange stillzustehen?! Wie bitte?! Wieso hat der Mönch dann den Kopf eines Vogelmonsters und kann mit einem Happs Menschen zerreißen? Auch nur angeschminkt oder was oder wie???

Das sind schon ärgerliche Dinge. Hier wird der Leser für dumm verkauft. Diese Stories sind nicht mehr charmant-dumm, sondern dummdreist. Unlogisch. Unrealistisch. Unvorstellbar.

Unglaubwürdig. Aber dennoch amüsant.

Der Kitzel an 50er-Comics liegt nicht unbedingt an den manchmal herben Inhalten (spontane Morde, Säureattacken, Enthauptungen, Zerfleischungen, Körperauflösungen), sondern mitunter auch an der oft ungewollt komischen, erzählerischen Fallhöhe zwischen bombastisch protzender Rahmenerzählung („The sun sank slowly like the dying breath of a hanging man and eerie shadows like probing fingers reached for her neck…“) und deeskalierend-banaler Sprechblase („Oh, I… I’m frightened. Let’s turn back“).

… oder von hinten …

Beängstigend ist allerdings, dass eine zerrüttete Ehe in den 50er Jahren offenbar niemals geschieden wurde, sondern ausschließlich durch gewaltsame Beseitigung des Ehepartners beendet wird – gerne auch töten sich Gatte und Gattin gegenseitig.
Jim Trombetta hat in „The Horror! The Horror!“ (Abrams Books, 2010) darauf hingewiesen, dass meistens junge Paare die bevorzugten Opfer von Horrorphänomenen sind.
Ich darf hinzufügen: Gerne auch auf Hochzeitsreise oder in der Phase einer Hausstandsgründung.
Hier schwingt unterbewusst eine Bestrafung des Verlusts der sexuellen Unschuld mit, wie er auch in Horrorfilmen zu finden ist.

Auch Geld spielt eine enorme Rolle. Für die heute nahezu lächerlich wirkende Summe von 10.000 Dollar begehen die Figuren in den Gruselgeschichten jedes nur vorstellbare Verbrechen. In den Nachkriegsjahren scheinen die Menschen sehr monetär fixiert zu denken.
Wenn irgendwo ein Pakt mit dem Teufel geschlossen wird oder ein Geist drei Wünsche gewährt, sind dies immer die Beseitigung eines Rivalen, die Gunst einer Frau und zuallererst Geld, viel Geld.

Frauen werfen sich Männern bedingunglos an den Hals, wenn diese nur reich genug sind. Standardgrund einer Trennung ist oft das finanzielle Unvermögen des Mannes: „If your money is gone, I have no more time or love to waste on you!“. Sagt die kühle Blonde, spaziert aus dem Bild und klingt dabei erschreckend nach einer professionellen Dienstleisterin.

Manche Geschichten sind einfach auch nur Müll.

… oder frontal!

Beim Lesen merkt man, dass ein Zeichner und ein Autor verzweifelt Seiten füllen mussten. Die Handlung windet sich und schlägt Haken, ohne jedoch voranzukommen: Solche Werke lassen sich kaum nacherzählen, so sinnlos sind sie:

Zwei Gangster betreiben eine Hundezucht, die läuft aber nicht gut, daraufhin werden alle Hunde umgebracht, bis auf einen, der zombieartig überlebt. Diesen einen trainieren sie zum Zirkushund („The Living Dead Trick Dog“), werden aber immer wieder von einer Bande menschlicher Zombies gestört, die den Hund ins Reich der Toten holen wollen, inklusive Verfolgungsjagden mit dem Auto und Vertreibung der Zombies durch zwei Polizisten.
Im Theater kommt es zum Showdown: nach der Hundevorführung stürmen wütende Zombies die Bühne, befreien die Seele des Hundes. Das Skelett des Tieres zerfleischt noch seinen bösen Impresario, Rache ist schließlich Bluthund, Blutwurst, am Ende entdecken die Polizisten nur noch geisterhafte Fußspuren an der Zimmerdecke. Seltsam? So steht es geschrieben. Leider. Jedenfalls in „Footprints On The Ceiling“, Unknown World Nr.1, Juni 1952.

Bei Comics aus den 50er Jahren handelt es sich um Erzählungen aus den Jugendtagen der Bildergeschichte – und tatsächlich spiegelt sich eine jugendliche Unschuld in diesen Werken. Wenn Schulkinder Geschichten schreiben, reproduzieren sie dabei bestimmte Muster und Klischees, die sie in ihrer Umgebung vorfinden. Ähnlich klingen manche Storylines dieser frühen Comics.
Da wird nicht differenziert, nicht hinterfragt, da werden keine Grautöne skizziert, da zerfällt die Welt noch in Gut und Böse (es muss ja auch schnell gehen, auf 4 bis 8 Seiten lässt sich kein Entwicklungsroman bannen).

Wie bekommt man beispielsweise einen denkenden Roboter gebaut? Roboter auf, Hirn rein, Roboter zu – fertig! So gesehen und geschehen in den „Strange Tales“ Nr. 18 (Mai 1953).

Das frei assoziierende Puzzlespiel mit dümmsten Klischees und Genreversatzstücken gepaart mit hemmungsloser Dreistigkeit gebiert – frei nach Goya – eben keine Ungeheuer, sondern popkulturellen Zeitgeist. Was der Jazz in der Musik, was gewisse Formen der Lyrik in der Literatur, was Action Painting in der Malerei, das ist der 50er Jahre Comic in der grafischen Erzählkunst.

Ein Konsumprodukt, aber mit lustvoll anarchischem Subtext.

Und die Cover erst! Diese herrlich plakativen, marktschreierisch bunten Titelbilder, die uns Reizbegriffe aus dem archetypischen Unterbewusstsein zurufen: BEWARE! DARK MYSTERIES! FANTASTIC FEARS! UNSEEN! HORRIFIC! HAUNTED THRILLS! STARTLING TERROR! ADVENTURES INTO THE UNKNOWN!

Alle Horror-Reizworte passen in dieses Bild: “Grrroooaarrr!”, “Kill!”, “Please, Nooo…”, “Eeeey!” und natürlich “Arrghh!”

Subtil ist das alles nicht. Es erweckt in uns Erwachsenen die Erinnerung an die kindliche Angstlust. Wir erzählen uns keine Geistergeschichten mehr im Etagenbett, wir spielen nicht mehr Nachlaufen mit Monstern, wir greifen zu einem Comic, auf dessen Cover die riesenhafte Krallenhand nach der schönen Frau greift.
Nicht, dass wir erwarten würden, etwas über schöne Frauen zu erfahren, doch wenn der amoklaufende untote Unhold die Frau verschleppt, dann jedoch im Faustkampf besiegt wird und am Schluss sogar auf dem elektrischen Stuhl landet, sind wir komplett zufrieden.

Ob der Horror-Boom am „Zeitgeist“ gelegen hat? Die frühen 50er Jahre in den USA waren geprägt von hysterischem Antikommunismus (speziell McCarthys Hexenjagden), Medienkampagnen gegen den „Schmutz und Schund“ sowie der Angst vor dem Atomkrieg.
In den Jahren 1946-1953 erscheinen die Comicheftserien „Atomic Bomb“, „Atom-Age Combat“, „World War III“, „Atomic War“ und „Atomic Attack“. Jedem, der mit Atomkriegsangst aufgewachsen ist, wird bei der Lektüre noch blümerant: Die Russen beginnen mit Atomschlägen, werden jedoch von den Amerikanern aufgrund ihrer überragenden Technik, Erfindungskraft und moralischen Überlegenheit wieder in ihre Schranken gewiesen.

Waren die Horrorcomics subversiv?

Diese hochtrabende Frage muss ich nach längerem Nachdenken tatsächlich mit „Ja“ beantworten.
In ihrer Zeit betrachtet sind sie sogar revolutionär. 1950 sind die USA die dominierende Supermacht, nach innen wie außen moralisch arrogant und penibel reguliert. Comics verletzen sämtliche Anstandsgrenzen, die der Jugend von Eltern, Lehrern und Pfarrern vorgeschrieben werden. Nestbeschmutzer.
Allein darin sind Comics subversiv. Sie schleusen Bilder und Konzepte in die Gedankenwelt ihrer Leser und eröffnen somit neue Horizonte. Sie schaffen Raum für Fantasie. Im konkreten Fall der Pre-Code-Horrorcomics bekennt sich fast eine ganze Generation von US-Filmemachern und -Autoren dazu, von diesen Heftchen beeinflusst worden zu sein.

Wiederholt sei: Diese Hefte sind keinesfalls Kunstprodukte. Im Gegenteil, es ist Unterhaltung vom Fließband – zum schnellen Konsum. Selbst die kunstverdächtigen Macher der EC Comics betonen, ihre Arbeit strikt nur als „Job“ verstanden zu haben. Alle Autoren, alle Zeichner haben ganz konkret für den harten Dollar gewerkelt.
Dass dabei (im Ausnahmefall, seien wir ehrlich) memorable Kunst entstanden ist, begründet den Zauber dieser Zeit. Und macht uns Spätgeborenen ein nostalgisches Gefühl im Magen.

Gern genommene Standard-Drohung am Schluss einer Horrorgeschichte: “Wer ist der Nächste? DU?!”

Außerdem lässt sich in und an diesen Comics schön studieren.
Wie lang eine Geschichte sein kann, ohne zu langweilen.
Wie knackig sie sein muss, um den Leser am Ball zu halten.
Wie stark ein gutes Artwork eine schwache Geschichte machen kann.
Wie unterhaltsam mitunter schlechtes Artwork ist. Wie die Balance von Bild und Text funktioniert.
Wie ärgerlich es sein kann, wenn zu viel Text die Geschichte in Redundanz erstickt.
Wie schön es ist, wenn effizient mit Worten umgegangen wird etc. etc. etc.
Kurz: Es gibt viel zu entdecken und zu würdigen. Unterhaltsam ist es in jedem Fall.

Also stöbern wir heute staunend in vergilbten Magazinen und schütteln mit wohligem Vergnügen den Kopf über die Phantasmen einer Generation, die uns (oder besser und zum Glück: unseren Vorfahren) mit Nonchalance und Chuzpe den größten Quatsch verkauft hat.

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Auf der BILDERGALERIE können Sie sich an den schönsten und schlechtesten Titelbildern dieser Ära erfreuen. Circa 50 „tumbe Bilder“ werden gefolgt von circa 50 „tollen Bildern“.

Die LESEWIESE bietet Ihnen einige Dutzend Inhaltsangaben von Beispielgeschichten – samt Bewertung nach vier Kategorien: Good, Bad, Ugly und Crazy.

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