Zur Soziologie und Psychologie des Horrorcomics der 1950er Jahre

Gastbeitrag von Sebastiano Trebastoni

Vorbemerkung:

Ich persönlich schätze die Horrorcomics der 50er Jahre aufgrund ihrer Einzigartigkeit und ihrem hohen Unterhaltungswert. In meinen Augen gab es davor und danach keine anderen Comics mehr, die diese Hefte in Sachen Kreativität übertroffen haben. Ihr heutiger Kultstatus liegt auch vor allem auch darin begründet, dass sie sowohl in positiver als auch in negativer Hinsicht erinnerungswürdig sind. So standen vielen guten, kunstvollen Comicgeschichten auch billige, gewalttätige und ekelerregende Machwerke gegenüber. Oft findet sich auch eine Mischung aus beidem. Ich persönlich finde, dass gerade diese Vielseitigkeit der Comics fasziniert und einlädt, sich mit ihnen auseinanderzusetzen.

Kapitel 1: Kritik an der amerikanischen Ideologie und Gesellschaft

Es mag seltsam klingen, dass Comicheftchen, die Geschichten mit Titeln wie Terror of the Killer Plant  oder Vampire Vengeance  enthielten, tatsächlich Gesellschaftskritik beinhalten sollen. Dennoch fällt bei genauerer Betrachtung auf, dass bestimmte Motive und Handlungsmuster immer wieder auftauchen: Dazu gehören Dreiecksbeziehungen, wahnsinnige Wissenschaftler, Leute die einen Pakt mit dem Teufel schließen, Tote auf Rachefeldzug und noch vieles mehr.

Wichtig ist jedoch vorerst nur, dass man anhand dieser Regelmäßigkeiten einige Strukturen der Comicwelt feststellen kann, sodass unter dem Strich eine eindeutige Haltung dieser Comics zu erkennen ist. Somit lassen sich Tendenzen und Meinungen zu gesellschaftlichen Themen feststellen, welche eindeutig kritischer Natur sind.

Allgemein kann man sagen, dass in den Horrorcomics nicht nur der „American Way of Life“, sondern auch das Prinzip der Gesellschaft und der Zivilisation an sich demontiert wird. Hier wird schrittweise alles, was eine funktionierende Gesellschaft ausmacht zerstört bzw. parodiert.

Zuerst fällt auf, dass in den 50er Jahre Horrorcomics eine Welt gezeigt wird, in der keine Werte überlebt haben. Der Mensch hat diese scheinbar überwunden. Es gibt weder Moral noch Glorifizierungen irgendeiner Art. Die Menschen sind von Gier getrieben, für Geld (oft eine Versicherungssumme) sind sie bereit, jedes erdenkliche Verbrechen zu begehen, Mord eingeschlossen.

Eine der Geschichten, welche Gier am direktesten thematisieren, ist Devil’s Diamond aus Witches Tales #14. Hier geht es um einen Juwelier, der von einer alten Frau einen Diamanten erhält. Auf diesem lastet jedoch ein Fluch, der jene zerstört, die gierig sind.
Daraufhin tötet der Juwelier die alte Frau und behält den Diamanten. Jeder Kunde, der den Diamanten nun betrachtet, wird schrecklich entstellt. Doch auch der Juwelier selber verfällt langsam und stirbt letzten Endes er an dem Fluch. Doch da wird sein Laden bereits von den Menschen gestürmt, welche den Diamanten ansahen und nun auch vom Fluch betroffen sind. Einer von ihnen nimmt den Stein an sich und der Kreislauf beginnt erneut.

JuwelVon der Gier einmal abgesehen, scheinen die Figuren und Charaktere auch sehr schnell bereit zu sein, einen Mord zu begehen, es gibt keine sonderlich hohe moralische Hemmschwelle zu übertreten: Morde werden fast als Selbstverständlichkeit begangen. Auch kriegt kaum eine der Figuren im Nachhinein Zweifel an ihrer Tat.

Des Weiteren gibt es fast keine glücklichen Ehen oder wenn, dann werden sie im Verlauf der Geschichte zerstört. Eine Dreiecksbeziehung bildete die Grundlage vieler Geschichten, gerade in denen des Verlags EC. Hier kommen auch wieder die Gier und die Mordbereitschaft zum Tragen, wobei das Schmieden eines Mordplans für den störenden Ehepartners obligatorisch ist.

Wahre Gutmenschen oder einfach sympathische Charaktere gibt es  fast gar nicht. Und wenn doch, dann überleben sie meist nicht allzu lange.
In den Comics geht es daher auch selten um Konfrontationen zwischen Gut und Böse: Das wahre Gute scheint nicht mehr zu existieren, das Böse in den Menschen und der Welt hat alle gesellschaftlichen Normen und Ordnungen überwunden.

Dabei werden Polizei und Staat zu jeder Zeit als machtlos und ineffektiv dargestellt. Der Staatsapparat wirkt in den Geschichten immer völlig überfordert. In einer Geschichte wird die Machtlosigkeit der Polizei besonders deutlich: In Demon in Disguise jagen zwei Polizisten einen Dämon, der seine Gestalt beliebig verändern kann. Am Ende stellt sich heraus, dass einer der beiden der Dämon ist. Er tötet seine Partnerin und kann seine Untaten ungehindert in der Gestalt eines Polizisten weiterführen.

Polizeidämon2

In dieser Geschichte fällt nicht nur die Unfähigkeit der Polizisten auf, sondern auch der Sieg des Bösen über das Gute am Schluss. Böse oder negative Enden wie dieses finden sich in vielen Horrorcomics der 50er Jahre.
Die alte Regel, dass auf Ordnung Chaos und dann wieder Ordnung folgt, welche heute noch in den meisten Filmen und Büchern angewendet wird, hat hier keine Gültigkeit mehr. Oftmals werden die Bösen zwar bestraft, nachdem sie die Guten umgebracht haben, doch wenn diese Bestrafung durchgeführt ist, haben die Opfer vielleicht ihren Frieden, aber werden auch nicht wieder lebendig. Wirklich Hoffnung oder Rettung gibt es hier nicht mehr. Höchstens vielleicht Vergeltung.

Damit positionieren sich die Horrorcomics im klaren Gegensatz zu „Heile-Welt-Comics“ wie Superman und ähnlichen Produkten, die eine eher positive Grundstimmung aufzeigen, bzw. zumindest die Möglichkeit der Lösung des dramaturgischen Knotens in Aussicht stellen. Selbst die in Zynismus kaum noch zu übertreffenden Geschichten aus den Crime Does Not Pay-Heften, welche ebenfalls einen hohen Gewaltgrad besaßen, endeten immer mit dem Sieg des Guten über das Böse.

Es ist aus den Horrorcomics also herauszulesen, dass das im „American Way of Life“ verankerte Vertrauen in die Gesellschaft und deren Werte überhaupt nicht mehr vorhanden ist. Das Vertrauen in irgendeine allgemeine gesellschaftliche Ordnung ist komplett verschwunden. Auch wenn die Bösen in den Horrorcomics meist kriegen, was sie verdienen, ist es häufig purer Zufall, und wir können uns nicht darauf verlassen.

Einige der einprägsamsten Aspekte in den 50er Jahre Horrorcomics sind logischerweise die übernatürlichen Elemente, also die Monster und Antagonisten sowie deren Hintergründe. Dabei fällt, unabhängig davon, um welche Kreatur es sich in der Geschichte handelt, eine Sache ins Auge: Die Herkunft des Bösen wird oftmals überhaupt nicht erklärt. Vielmehr wird das Böse, als sei es selbsterklärend, in die Geschichte eingeführt.

Ein sehr schönes Beispiel ist Gravestone for Gratis aus Fantastic #11. Hier jagt ein Mann einen Ghoul, einen Untoten, der ein Dorf terrorisiert. Die Menschen warnen den Mann davor, es werden sogar Schilder aufgestellt, aber es gibt keine Erklärung, woher der Ghoul eigentlich kommt. Seine Existenz wird einfach hingenommen.

GhulwarnungEin anderes Beispiel ist die Geschichte Call me Monster aus Mysteries Weird and Strange #5, in der sich ein Mann ohne Grund in einen Werwolf verwandelt. Es gibt zwar unterschwellige Andeutungen über sexuelle Frustration als Ursache für die Verwandlung, aber keine wirkliche Erklärung im klassischen Sinne.

Dieser Umgang mit übernatürlichen Elementen ist charakteristisch für die 50er Jahre Horrorcomics: Niemand weiß, woher der Werwolf kommt, der nachts die Straßen terrorisiert, wir wissen nur, dass er jetzt hier ist. Der gesamte mythologische Hintergrund, die Ereignisse, die eine solche Kreatur kreiert haben könnten, fehlen. Der gesamte historische und symbolische Kontext wird übergangen.
Oftmals geht dies so weit, dass in den Geschichten die Monster als normal wahrgenommen und nicht weiter hinterfragt werden, wie z.B. in Gravestone for Gratis. Sie sind ein fester Bestandteil der Gesellschaft geworden. Sie werden zwar gejagt und gefürchtet für die schrecklichen Dinge, die sie tun, aber sie werden nicht hinterfragt. Das Böse ist zum Greifen nahe und längst nicht mehr abstrakt. Viele der Monster verstecken sich sogar hinter menschlichen Fassaden, ohne dass man es merkt.
So kann der Nachbar ein Marsmensch, ein Vampir oder ein Serienkiller sein, eins steht fest: Niemand ist sicher, niemand kann ruhig schlafen. Die Comics porträtieren eine von innen zerfressene und zerstörte Gesellschaft.

Selbst Satan höchstpersönlich lebt in der Comicwelt schon lange unter uns, auch er hat jegliche Mystik verloren. In den Comics taucht er u.a. als schlichter Passant, Friseur und auffallend oft als Casinobesitzer auf.

StraßensatanZwar hat er immer noch einige typische Charaktereigenschaften, so versucht er immer wieder Ahnungslose dazu zu überreden, einen Pakt mit ihm zu schließen, bei dem sie garantiert den Kürzeren ziehen, aber er hat nur noch wenig von der symbolischen Kraft die sonst Darstellungen des Teufels innewohnt. Er mag hier vielleicht ein Lügner und Herrscher der Hölle sein, aber noch vielmehr ist er ein Geschäftsmann.

Das ist nicht überraschend, da es ja in der Welt der Horrorcomics keinen Gott, kein Gegenstück für Satan zu geben scheint. Dies wird schon dadurch suggeriert, dass Gott im Gegensatz zu Satan in keiner Geschichte auftritt. Somit scheint der ewige Kampf von Gut gegen Böse hinfällig zu sein. Wenn es nichts Gutes mehr in der Welt gibt, verlieren auch dessen Gegenspieler an Bedeutung. Dass der Teufel nicht mehr allzu mythisch ist, zeigt sich auch in den (zugegebenermaßen selten vertretenen) Geschichten, in denen ein Mensch, der einen Pakt mit ihm schließt, es schafft, ihn zu überlisten.

Der Teufel hat zwar übernatürliche Kräfte, aber auch er ist hier Regeln unterworfen und nicht allmächtig. Er bewegt sich wie die Charaktere der Comics in einem Raum ohne Grenzen und Gesetze und kann daher auch nicht als böse bezeichnet werden: Die Horrorcomics spielen in einer Welt ohne moralische Ordnung, gegen die demzufolge auch niemand verstoßen kann, wie es der Teufel ja normalerweise tut.

Der Teufel hat hier menschliche Züge bekommen. Amnesia aus Chamber of Chills #17 bringt dies wunderbar auf den Punkt: Hier wird ein Mann beim nächtlichen Spaziergang vom Blitz getroffen und er weiß nicht mehr, wer er ist. Am Ende der Geschichte stellt sich heraus, dass er Satan höchstpersönlich ist. Kaum ist ihm dies klar geworden, wachsen ihm auch gleich wieder seine Hörner.
In dieser Geschichte finden wir die ultimative Verbindung der Teufelsgestalt mit Menschlichkeit, also auch Fehlern und Schwächen und vor allem Fehlbarkeit. Somit verliert Satan einen Großteil der üblichen Metaebenen und tieferen Bedeutung, die eine Teufelsdarstellung außerhalb dieser Comics normalerweise besitzt. Oder mit anderen Worten: Der Teufel ist hier auch nur ein Mensch.

AmnesiaDie ganze Geschichte können Sie HIER lesen.

Auch die Zivilisation an sich, also was den Menschen ausmacht, gerät oftmals ins Visier der Horrorcomics. Die schrittweise Demontage der Zivilisation finden wir sehr schön und detailliert in Blood Brothers! aus dem Atlas-Verlag (Suspense #22). Hier entdeckt ein Wissenschaftler ein Mittel, das Schweine hochintelligent macht und wie Menschen auf zwei Beinen gehen lässt.

Schon bald gerät das Ganze außer Kontrolle und die Schweine fangen einen Krieg gegen die Menschen an. Am Ende gewinnen die Schweine und bauen ihre eigene Zivilisation auf.
Die der Menschen ist jedoch zerstört, die wenigen überlebenden Menschen wandern nun in die Schlachthöfe, die ursprünglich für die Schweine gedacht waren. Neben all den anderen Subtexten und Aspekten, die diese Geschichte birgt, ist sie in erster Linie eine Alptraumvision vom Untergang unserer Gesellschaft, konsequent zu Ende gedacht.

SchweinezyklusAuch der Mensch im Allgemeinen, insbesondere seine Mordlust und animalischen Instinkte scheinen eine Gefahr darzustellen. Dies lässt sich am eindeutigsten aus den unzähligen Horrorcomics mit Jäger-Thematik herauslesen.

In The Big Game Hunter z.B. tötet ein Jäger seine verhasst Frau sowie deren Geliebten und hängt ihre Köpfe als Trophäen auf. Hier ist von Zivilisation eindeutig nichts mehr zu finden. Link zur Geschichte HIER.

Der Mensch ist hier nicht mehr zivilisiert, sondern steht hier mit dem Tier auf einer Stufe, bzw. in manchen Geschichten sogar darunter. Er raubt und mordet in den Comics, wie es ihm beliebt. Der Mensch hat seine erhöhte Stellung, seine Überlegenheit gegenüber den Tieren durch eine Ideologie und die Gabe der Vernunft, aufgegeben. Er steht nicht mehr an der Spitze der Nahrungskette und ist wie die phantastischen Kreaturen in den Horrorcomics von jedem mythologischen oder, in diesem Falle passender, ideologischen Kontext befreit.

Fasst man die gesellschaftskritischen Aspekte der Comics zusammen, so kann man sagen: Der vorherrschende Gedanke ist hier der Zweifel an praktisch allem, was wir kennen. Selbst das höchste Gut des Menschen, die Zivilisation, ist hier nicht mehr sicher. Obgleich die Horrorcomics der 50er Jahre ohne einen künstlerischen Anspruch und nur für den schnellen Konsum geschaffen wurden, ist ein sozialkritischer Subtext in ihnen nicht von der Hand zu weisen. Zwar bestehen die Geschichten zum Großteil aus vordergründigen Schocks, jedoch ist in bestimmten Fällen eine Aussage zu erkennen.

Ein sehr auffälliges Indiz, dass die Geschichten dem Leser scheinbar etwas sagen wollen, ist auch die Erzählhaltung. So werden einige Geschichten in der You-Form (welche anscheinend hauptsächlich bei Comics dieser Ära aufzutreten scheint) und/oder Subjektive erzählt. Dadurch findet eine besonders starke Identifikation des Lesers mit der handelnden Figur statt.
Als Beispiel diene hier die von Bob Powell aus subjektiver „Kamera“ illustrierte Geschichte Colorama (mit Mausklick anwählbar).

Ein noch häufiger verwendetes Stilmittel ist der Appell am Ende vieler Geschichten. So wendet sich oftmals, nachdem die Handlung geendet hat, der Erzähler, der „host“, direkt an den Leser oder es wird einfach im finalen Textkasten an den Rezipienten appelliert. Natürlich ist auch hier die Absicht, den Leser mit einem gruseligen Gefühl zu entlassen, um die Schockwirkung hoch zu halten, aber dennoch schwingt einfach das Gefühl mit, der Comic hätte dem Leser tatsächlich etwas zu sagen.

MoralDas in den Horrorcomics gezeigte Weltbild ist zynisch, depressiv und grotesk und hat mit der im „American Way of Life“ propagierten Mentalität nichts mehr zu tun. In der Welt der Horrorcomics, die eindeutig vom Bösen dominiert wird, ist für Individualität und Freiheitsliebe kein Platz mehr.
Die Gutmenschen, die vom „American Way of Life“ geprägt wurden und ihn am Leben halten, gibt es nicht mehr. Eine funktionierende Gesellschaft ebenso wenig. Und selbst der kleinste Schimmer der Hoffnung hat hier keine Existenzberechtigung mehr, das für die amerikanische Ideologie so wichtige, essenzielle Glück ist unerreichbar. Die Comics zeigen hier eine unglaublich negative Weltsicht und die absolute und vollkommene Negierung des „American Way of Life“.

 

Kapitel 2: Die Darstellung von Sexualität und Partnerschaft

Wenngleich die Horrorcomics oft im damals populären Stil der Good-Girl-Art gezeichnet waren und gerne hübsche Frauen in den Vordergrund rückten, waren sie doch die einzigen, die diese Sexualität auch gleichzeitig parodierten. Spricht man von Sexualität in den Horrorcomics der 50er Jahre, so kommt man nicht daran vorbei, auch Perversion im selben Atemzug zu erwähnen.

Zusätzlich zur Good-Girl-Art findet sich in den Zeichnungen der Comics eine schier unzählbare Menge an unterschwelligen Anspielungen, Fetischen und Perversionen, die in die Geschichten hineingeschmuggelt wurden. Teilweise lassen sich komplette Geschichten mit sexuellem Subtext erkennen, bzw. Geschichten, die lediglich eine Metapher für sexuelle Handlungen darstellen.

Als Beispiel diene die Geschichte The Black Candle of Life aus Beware! Terror Tales #4.
Folgen Sie dem Link, studieren Sie die Geschichte und beachten Sie bitte die erhellenden Kommentare darunter!

Somit nehmen die Horrorcomics auch hier eine Sonderstellung in der Comiclandschaft ein, da sie zwar wie andere Comics schöne Frauen und sexuelle Untertöne besitzen, aber hier werden diese für den Leser eigentlich positiven Bilder auf den Kopf gestellt: Die Frau mag zwar schön sein, wie in den anderen Comics, doch hier kommt noch ein starker Kontrast hinzu: Sie zappelt in den Klauen eines schleimigen Monsters oder wird von einem Zombie zerfleischt.

BafflingAuch hier kommt wieder der Aspekt zum Tragen, dass die Horrorcomics zu diesem Zeitpunkt noch keinem strikten Code unterlagen. Die bisherigen Versuche, die Inhalte der Geschichten zu regulieren, blieben mehr oder weniger ergebnislos.
Damit stellten die Horrorcomics ein perfektes Ventil für derartige sexuelle Phantasien dar. Diese hätten sonst in keinem Medium zum Ausdruck gebracht werden können, da z.B. der Film zu diesem Zeitpunkt bereits einer strikten Zensur unterlag. Somit hatten die Macher der Comics einen enormen Freiraum, den sie natürlich auch nutzten.
Einmal aus persönlichen Gründen, da sie beim Schaffen eines Comics auch immer einen persönlichen Einfluss nicht vermeiden konnten und zum anderen, weil solche Motive auch schlicht verkaufsfördernd wirken konnten, da offensichtlich viele Menschen unterdrückte perverse Neigungen besaßen. Mit der Einführung des Comic Codes 1955 wurden derartige Bilder schließlich komplett unterbunden. So besagte eine der Auflagen des Codes: „Passion or romantic interest shall never be treated in such a way as to stimulate the lower and baser emotions.“

Die perversen Untertöne der Comics wurden also auch eindeutig als gesellschaftliches Problem angesehen und riefen allgemeine Empörung hervor. In diesem Punkt zeigt sich erneut die subversive Kraft der Horrorcomics, welche somit scheinbar tatsächlich in der Lage waren, gegen die gesellschaftliche Ordnung zu rebellieren. Und dabei sogar so viel Erfolg zu haben, dass der Staat Gegenmaßnahmen einleiten muss.

Nun ist es im Nachhinein schwierig, die genauen psychologischen Ursachen für das Einbringen derartiger Bilder und für die Ausbildung derartiger Fetische zu finden.
Der Psychoanalytiker und Sexualforscher Wilhelm Reich entwickelte bereits in den 1920er Jahren in Deutschland die Theorie, dass eine unterdrückte Sexualität und somit ein Mangel an Befriedigung zur Entwicklung von Fetischen und Perversionen führen könnte. Im Rahmen seiner Forschungen kam Reich zu der Erkenntnis, dass ein Großteil der Gesellschaft an derartigen sexuellen Störungen leiden muss.

Auch wenn seine Theorie bis heute umstritten ist, passt sie hier hervorragend: Betrachtet man die Horrorcomics unter diesen Gesichtspunkten, scheint sie zuzutreffen. Somit wäre die Ursache für all die Perversionen in den Comics die Tatsache, dass die amerikanische Gesellschaft in den 50er Jahren durch ihre Normen die Sexualität des Einzelnen unterdrückte, was somit zur Bildung von Fetischen und Perversionen führte. Diese wurden jedoch ebenfalls von der Gesellschaft abgelehnt, wodurch die Horrorcomics eine der wenigen Möglichkeiten waren, diese sexuelle Energie zu entladen.

Auffällig ist auch, dass die nach Reich durch sexuelle Unterdrückung hervorgerufene Verbindung von Ekel, Sex und Gewalt in den Comics ebenfalls zu finden ist.
Ein Paradebeispiel für sexualisierten Ekel findet sich in Revenge so Evil aus dem Heft Journey Into Fear #15. Hier rächt sich eine Frau an ihrem Liebhaber, der zuvor ihren Mann umgebracht hat, indem sie sich selbst mit Akromegalie infiziert und dann auf ihn überträgt, was zum Tod von allen beiden führt.

akroGanz abgesehen davon, dass die Geschichte medizinisch völlig unkorrekt und komplett an den Haaren herbeigezogen ist, wird hier eine sexuelle Störung besonders eindeutig: Eine Frau überträgt in böser Absicht auf einen Mann eine Krankheit, die ihn entstellt und in den Selbstmord treibt. Dies geschieht durch Küsse und wahrscheinlich auch Sex, wenngleich dies in der Geschichte, wie so oft, nicht direkt ausgesprochen wird.

Ein weiteres Beispiel ist Evil Intruder. Hier geht es um einen Dämon, der auf der Suche nach der Liebe einer menschlichen Frau (das steht für Sex) ist und dafür auch vor Mord nicht zurückschreckt. Schließlich landet er bei einer Frau, welche ihn durch einen Zauber nicht als Dämon erkennt. Nun wird er immer zudringlicher, bis die Situation schließlich eskaliert.

Hier findet sich auch eindeutig die von Reich festgestellte Verbindung von Sex und Gewalt. Diese Kombination ist in den Horrorcomics oft anzutreffen. Hierzu passt auch der Deutungsansatz für die sexuellen Motive, den Jim Trombetta feststellte. Diesen bezeichnete er als das „Death and the Maiden„-Motiv. Er kommt zu der Erkenntnis, dass Sex in den Horrorcomics der 50er Jahre, auch wenn er nur indirekt stattfindet, immer einen Bezug zu Gewalt und Tod hat. Erotik und Gewalt scheinen untrennbar verbunden:

„Sex is thus associated with being buried in muck or eaten alive; with dead things and repulsive alien beings; with bayonet combat; with hideous heads either placed or growing from the bodies of beautiful women; and much, much more. There is certainly no variety of sex in horror comics, ’normal‘ or otherwise, that does not come with a punitive punch.“

Intruder(die komplette Geschichte finden Sie unter DIESEM Link)

Trombettas Erkenntnis untermauert die Tatsache, dass Reichs Theorie hier angewandt werden kann und zutreffend ist.
Aus den Horrorcomics ist somit herauszulesen, dass sich in der amerikanischen Gesellschaft der 50er Jahre diverse Fetische als Folge von sexueller Unterdrückung entwickelten.

Dies wird auch angedeutet dadurch, dass die weiblichen Opfer in den Comics, insbesondere auf Covern, zumeist rote Kleider tragen. Die Farbe Rot steht in der Psychologie auf der einen Seite für Erotik und Lebendigkeit, auf der anderen aber auch für Anspannung, Zorn und natürlich Blut. Es scheint auch hier keine Unterscheidung zwischen den beiden Thematiken mehr stattzufinden.

Das wohl perfekte Beispiel stellt River of Blood aus Black Cat Mystery# 48 dar. In dieser Geschichte geht es um einen Mann, der bereits seit seiner Jugend durch den Anblick von Blut fasziniert und anscheinend auch erregt wird. Diese Obsession geht so weit, dass er eine Frau im Rausch ermordet. Schließlich bekommt er eine Stelle als Henker, wodurch seine Neigung dauerhaft befriedigt scheint.

Diesen Comic kann man einerseits als Metapher für unterdrückte Neigungen sehen, welche von der Gesellschaft nicht akzeptiert werden und daher als negativ empfunden werden. Auf jeden Fall stellt er jedoch die vollendete Vereinigung von Sex und Gewalt dar.

BlutrauschSo kann man hier festhalten, dass in den Horrorcomics der 50er Jahre die Sexualität nichts Positives mehr an sich hat. Wollust oder Freizügigkeit stehen immer in Verbindung mit Schmerzen und Tod.
Dies steht im Gegensatz zur restlichen Comiclandschaft der damaligen Zeit, in der es gängiger war, Sex ohne Gewalt zu suggerieren.

Hier spannt sich auch wieder ein Bogen zum zynisch-depressiven Weltbild der Comics: Es gibt nichts Gutes mehr in der Welt, selbst die Sexualität ist verdorben. Die Fruchtbarkeit, ursprünglich das positive Symbol überhaupt, ist nun auch Opfer des Verfalls geworden.

Aber nicht nur die Sexualität als solche wird lächerlich gemacht, auch das Prinzip der Ehe und die Geschlechterrollen werden in den Comics parodiert. So werden diese völlig überzeichnet dargestellt: Die Figuren sind sehr flach und folgen zumeist lediglich ein bis zwei Grundinstinkten, was jedoch in einem Comic aus dieser Zeit nicht sonderlich überrascht. Es scheint naheliegend, wenn man bedenkt, dass eine Geschichte von sieben Seiten nicht viel Raum für Charakterzeichnung bietet.

In einigen wenigen Fällen sind die Ehen in den Comics tatsächlich glücklich und Mann und Frau lieben sich und ihr Zusammenleben funktioniert. Wobei Zusammenleben hier bedeutet, dass beide sich in klassische Rollenbilder einordnen. Eine gute Geschichte zur Verdeutlichung ist Nightmare Merchant aus Strange Fantasy #7.

(Die komplette Geschichte können Sie mittlerweile HIER nachlesen)…

Hier funktioniert das Zusammenleben von Mann und Frau, da sie sich klar ihren Rollen anpassen: Der Mann geht arbeiten und die Frau kümmert sich um den Haushalt. Jeder hat seinen Zuständigkeitsbereich. Es ist darüber hinaus interessant, dass obwohl die beiden sich gut verstehen und die Ehe in sich funktioniert, sie von der Gefahr nicht verschont bleiben: Der Mann hat Herzprobleme und schwebt daher in permanenter Gefahr. Darüber hinaus taucht im Verlauf der Geschichte eine böse Macht auf, welche die beiden schließlich tötet. Das Prinzip der Ehe scheint hier, obwohl es in sich funktioniert, einer andauernden Bedrohung ausgesetzt zu sein.

MerchantAuch sonst scheitern Ehen in den Horrorcomics erschütternd oft. Um das näher erläutern zu können, müssen vorerst die Rollenbilder analysiert werden.

Betrachten wir zunächst die Männer. Der normale Mann als Mitglied der Gesellschaft hat bestimmte Klischees in den Comics zu erfüllen. Nicht zu verwechseln mit anderen Horrorcomic-Stereotypen wie Künstlern oder wahnsinnigen Wissenschaftlern, diese gehören in andere Schubladen. Hier geht es vorerst nur um die Darstellung des durchschnittlichen Mannes, der in Horrorcomics anzutreffen ist.

Männer sind meist gutaussehend und simpel gestrickt. Sie sind Mitglieder der Gesellschaft und wollen in dieser aufsteigen. Eines ihrer Hauptziele ist Reichtum. Doch beschränkt es sich nicht darauf, Männer in 50er Jahren Horrorcomics benötigen auch stets Statussymbole, um die Bestätigung der Gesellschaft zu erlangen. Dazu gehören Dinge wie teure Autos und große Häuser, welche ihren Status nach außen demonstrieren. Auch eine hübsche Frau wird aus Perspektive des durchschnittlichen Mannes mehr als Objekt betrachtet, das man vorführen kann, weniger als Lebewesen.

Gleichzeitig ist es für den Mann stets wichtig, Stärke und Männlichkeit zu beweisen. Er ist dominant und will immer der Beste sein. Durch sein Streben nach Dominanz, Geld und Macht übt er in den Comics eine starke Anziehung auf Frauen aus. Allerdings spürt er keine Liebe und kennt keine Skrupel, was auch der Hauptunterschied zu jenen Männern mit funktionierenden Ehen ist. Diese Ehepartner können es sich noch leisten, Rücksicht aufeinander nehmen. Der normale Mann jedoch denkt in erster Linie an sich selbst und ist im Notfall auch bereit, über Leichen zu gehen.

SchurkeDer Mann ist der Standardschurke in diesen Heften. Er ist eindeutig ein Produkt  der nihilistischen und grausamen Welt, in der diese Comics spielen. Sein einziges wahres Interesse ist er selbst. Bezieht man dies auf Sexualität und Partnerschaft, so scheint er durch seinen Verlust von Moral auch nicht mehr in der Lage zu sein, eine funktionierende Beziehung zu führen.
Somit hat hier der Verfall der Gesellschaft auch über die Liebe triumphiert. Und betrachtet man, wie viele Geschichten von kaputten Ehen erzählen, so scheint es, als könnt man von einem klaren Sieg sprechen.

Genauso oft wie Männer sind die Frauen jedoch auch der Grund für das Scheitern einer Ehe. Hierfür gibt es in den Comics zwei mögliche Gründe: Entweder, weil die Frauen genauso wie die Männer vom moralischen Verfall betroffen sind oder, weil von der Weiblichkeit an sich eine Gefahr auszugehen scheint.

Die erste Ursache liegt ist in der Tatsache verwurzelt, dass die Horrorcomics der 50er Jahre in einer von Moral befreiten Gesellschaft spielen. Demzufolge sind die Menschen auch nicht mehr gezwungen, Rücksicht aufeinander zu nehmen. Wenn nun also Mann und Frau zusammenleben, ohne auf den jeweils anderen einzugehen und nur an sich selbst denken, ist es logisch, dass das Zusammenleben der beiden nicht funktioniert.
Dies zeigt sich in den Frauenfiguren der Comics in verschiedenen Ausprägungen: Somit können Frauen entweder einfach nur nervig sein, Affären haben oder sogar Mordkomplotte schmieden. Und natürlich sind sie meistens auch genauso rücksichtslos gierig wie die meisten Männer.

MonsterfrauSo finden sich in den Horrorheften auch einige Geschichten, welche den eigentlichen Horroraspekt stark vernachlässigen und sich vielmehr darauf konzentrieren, das Verhältnis von Mann und Frau in offensichtlich überzogener Art und Weise zu porträtieren.
Oftmals wird die Frau als derart herrschsüchtig und nervtötend dargestellt, dass der sich meist anschließende Mord im Comic fast nachvollziehbar wirkt.
Am deutlichsten ausgedrückt wird dies wohl durch eine Seite aus der Geschichte Pest Control aus Black Cat Mystery #48. Hier will die Frau ihren Mann, der Kammerjäger ist, überzeugen seinen Job zu wechseln, da sie ihn für peinlich hält. Das Bild stellt dies eindeutig dar.
Man beachte auch die nicht gerade typisch weibliche, androgyne Frisur der Frau.

Natürlich ist diese Darstellung nicht sonderlich subtil, aber sie verdeutlicht sehr eindringlich, welche Ausmaße der Machtkampf in der Ehe annehmen kann. Es ist vielleicht noch interessant zu wissen, dass der Mann am Ende der Geschichte dem Wunsch seiner Frau nachkommt und den Beruf wechselt: Er wird stattdessen Auftragskiller und sein erstes Opfer ist natürlich…seine Frau.

Einige dieser Geschichten fixieren sich nicht auf die Frau als Bedrohung, sondern stellen beide Ehepartner als gleich überzeichnet dar. Siehe hierzu z.B. Family Mixup aus The Thing #15. Hier wird eine Ehe gezeigt, in der Mann und Frau sich hassen und Mordpläne für den jeweils anderen schmieden.

Hier ist das Ende vom Lied, dass sich die beiden mit ihren Todesfallen gegenseitig umbringen. Das negative Bild von Ehe, welches in diesen Comics demonstriert wird, wird hier besonders deutlich.

Mordpläne2Häufiger vertreten in den Comics sind jedoch verheiratete Frauen, die Affären haben. Oftmals führen diese Dreiecksbeziehungen auch zur Ermordung des störenden Ehemannes. Obwohl an diesen Affären immer logischerweise auch zwei Männer beteiligt sind, werden die Frauen zumeist als Schuldige dargestellt, egal ob direkt oder indirekt. So verführen sie entweder den Mann oder von ihnen geht eine starke Anziehung aus, die alles ins Rollen bringt.

Nicht die Frauen sind hier zwangsläufig niederträchtig und böse, die Gesellschaft ist es. Somit betrügen und intrigieren sie nicht, weil sie Frauen sind, sondern weil sie Menschen sind und sich nun mal an keine Regeln halten (in diesen Comics jedenfalls nicht). Das ist der Hauptgrund, warum das Zusammenleben von Mann und Frau oft nicht funktioniert.
Die stets mitschwingende sexuelle Komponente ist hierbei jedoch kein zentraler Aspekt, da es hier weniger um Sexualität und mehr um den Mangel von Moral und Treue geht. Dafür wird diese aber im zweiten Punkt umso wichtiger:

So scheint in einigen Geschichten oftmals eine Gefahr von Frauen auszugehen, die eindeutig mit ihrer Weiblichkeit verbunden ist und somit nur geschlechtsspezifisch auftritt. In diesen Comics scheint die Sexualität der Frau selbst zur Bedrohung zu werden. Man findet immer wieder Geschichten über Frauen, die Unabhängigkeit, bzw. Emanzipation suchen und gemäß den Regeln dieser Comics dabei über Leichen gehen.

So finden wir in The Dead Are Never Lonely (veröffentlicht in Baffling Mysteries #14) eine junge Frau, die ihren reichen Mann verlassen will, um in Hollywood Karriere zu machen. Sie scheint klar auf der Suche nach Eigenständigkeit zu sein und sieht Männer nur als Werkzeug an.
Daraufhin bringt ihr Mann sie um, doch die Frau kehrt zurück von den Toten und macht sich auf nach Hollywood. Ihr Mann ist inzwischen auch tot, da er mit der Schuld nicht leben konnte, doch der Frau geht es nicht viel besser. Da sie eigentlich bereits tot ist, beginnt sie langsam zu altern und zu verfaulen, sodass sie sich am Ende entschließt, ihre Träume aufzugeben und in das Reich der Toten eintritt. Und das, obwohl sie weiß, dass sie dann auch mit all den anderen Männern konfrontiert werden wird, welche sie im Verlauf ihres Lebens in den Selbstmord trieb.
Im Jenseits wird sie jedoch wieder mit ihrem Mann vom Anfang der Geschichte vereinigt und sie entdecken ihre Liebe wieder, wodurch die Frau auch von der Rache ihrer anderen Männer verschont bleibt. Somit haben sind die beiden am Ende im Jenseits vereinigt, und der einzige wahre Sieger ist der Tod.

HollymordObgleich diese Geschichte sehr wendungsreich und schwer einzuordnen ist, so präsentiert sie letzten Endes dennoch eine einfache Moral: Wäre die Frau beim Mann geblieben und hätte eine normale Ehe geführt, so hätte es keine Probleme gegeben. Es scheint so, als seien Mann und Frau sogar dafür bestimmt, diese Verbindung einzugehen, da sie erst am Ende der Geschichte durch diese Verbindung tatsächlich erlöst werden. Auch der Textkasten im drittletzten Bild deutet darauf hin:

In the world of the dead you will both learn the lessons you did not learn in life–but you will learn them together–and when you have learned them, perhaps you will earn peace.“

Offensichtlich hat hier die Frau mit ihrem Drang nach Selbstständigkeit den Frieden zerstört und alle ins Unglück gerissen. Deswegen muss sie nun im Jenseits lernen, dass dies falsch war. Somit spricht sich auch diese Geschichte klar für die Geschlechterrollen aus.

Eine Steigerung finden wir in der Geschichte Snakes Alive! aus Baffling Mysteries #15: Hier geht es um eine Frau, die sich durch Magie in eine Schlange verwandeln kann. Ihre Eigenständigkeit demonstriert sie durch willkürliche Morde. Abgesehen davon, dass die Schlangenthematik der Geschichte einen exotischen Touch gibt, kann man die Handlung auch als Parabel verstehen, die vor vermeintlichen Gefahren der Weiblichkeit warnen soll. Dies fällt besonders auf, da die Frau sehr attraktiv ist und Menschen klar manipuliert, wodurch sie den Männern überlegen scheint.

PythonessDas jedoch auffälligste an dieser Geschichte ist zweifellos die Tatsache, dass die böse Schlangenfrau am Ende erst den eigentlichen, männlichen, Helden der Geschichte tötet und danach schließlich auch noch triumphiert und davonkommt. Man kann die Schlangenfrau oder „Pythoness„, wie sie im Comic genannt wird, als Metapher für die Angst vor starken Frauen und deren Bedrohung der Männlichkeit interpretieren.
Bevor die „Pythoness“ am Ende entkommt, landet sie noch bei einem männlichen Psychiater, dem sie ihre gesamte Geschichte erzählt. Dieser glaubt ihr jedoch nicht, bis sie sich vor ihm verwandelt und ihn tötet, was nochmal eine zusätzliche ironische Pointe darstellt. Sozusagen als Hinweis darauf, dass die Gefahr längst erkennbar sei, jedoch die Menschen trotzdem ihre Augen davor verschließen.

Derartige Geschichten sind jedoch bei weitem noch nicht der Gipfel  der auf absurde Weise geäußerten Männerängste, die in diesen Comics zum Ausdruck gebracht werden. Eine noch eindeutigere Aussage hat Partners in Horror aus dem Heft Journey into Fear #20. Hier geht es um einen Mann, der von einer Frau verfolgt wird, die nur er sehen kann. Bald wir klar, dass sie der Tod ist und gekommen ist, um ihn zu holen. Um seinem Ableben zu entgehen, willigt der Mann ein, sie zu heiraten.

Doch mit der Zeit hält er es einfach nicht mehr aus, mit dem Tod verheiratet zu sein und versucht zu entkommen oder sich sogar letzten Endes umzubringen. Doch sie verhindert es jedes Mal. Durch nichts schafft er es,  sie zu verlassen. Am Ende verkündet sie, dass sie ihn noch lange leben lassen wird und sie noch viel gemeinsame Zeit haben werden. In seiner unglaublichen Verzweiflung verliert der Mann schlussendlich den Verstand.

Todeskuss(unter DIESEM Link können Sie die ganze Geschichte einsehen)

Nicht allzu oft sieht man Horrorcomics der 50er Jahre, in der eine Figur durch etwas anderes bestraft wird als durch den Tod. Hier scheint noch nicht einmal die Tatsache ausschlaggebend zu ein, dass seine Frau der Tod ist, sondern vielmehr, dass die Frau die absolute Kontrolle über die Beziehung hat und sehr dominant gegenüber dem Mann ist. Neben dem morbiden Horroraspekt finden wir hier also eine weitere männliche Alptraumphantasie über den Verlust von Kontrolle und Männlichkeit.

Ein weiteres Beispiel ist Vampires? Don’t make me laugh! aus The Clutching Hand #1. In dieser Geschichte geht es im Kern nur um eine junge Vampirin, die durch nichts zu besiegen ist und deren Blutdurst sie immer wieder die Kontrolle über sich verlieren lässt. Dabei ist diese Geschichte so mit sexuellen Untertönen angereichert, dass man den Vampirismus auch als Metapher für die entfesselte, nicht zu bändigende Sexualität der Frau deuten kann.

Die wohl absolute Krönung des Subgenres „Böse Frauen“ finden wir in Susan and the Devil (veröffentlicht in Crime Mysteries #9). Diese Geschichte handelt von einer gutaussehenden und komplett gewissenlosen bösartigen Frau. Ihr gesamtes Leben lang manipuliert sie Männer zu ihrem Vorteil und begeht schließlich sogar einen Mord.
Sie kommt immer davon. Doch irgendwann tötet einer ihrer ehemaligen Liebhaber sie aus Rache. Sie landet daraufhin in der Hölle und macht sich keine Sorgen, da der Teufel ja auch nur ein Mann ist. Doch da kommt die überraschende Wendung: Der Teufel ist eine Frau!

Natürlich trifft hier auch die Männer eine Mitschuld, da sie so leicht beeinflussbar sind. Dennoch geht die Gefahr eindeutig von der gewissenlosen Hauptfigur aus. Und wohl kaum ein Bild aus der Comicgeschichte symbolisiert so eindeutig Angst vor Frauen wie das Schlusspanel aus Susan and the Devil.

TeufelsweibDie Horrorcomics der 50er Jahre dokumentieren eine Vielzahl von psychosexuellen Störungen und Komplexen, welche auf eine unterdrückte Sexualität zurückzuführen sind. Somit dienten die Horrorcomics auch als Ventil für durch Unterdrückung aufgestaute sexuelle Energie.
Hinzu kamen noch andere gesellschaftliche Themen wie die heraufdämmernde Emanzipation und der damit in Verbindung stehende Kastrationskomplex vieler Menschen. All dies führte dazu, dass subversive sexuelle Bilder ihren Weg in die Comics fanden.
Bilder, die gegen jegliche gesellschaftliche Normen rebellierten und alle Grenzen des guten Geschmacks hinter sich ließen. Damit zeigten sie die Psychosen der amerikanischen Gesellschaft in den 50er Jahren auf, was einmal mehr bestätigt, dass diese Comics wichtige Zeitdokumente darstellen und vielleicht auch erklärt, warum so viele Menschen über diese Comics empört waren: Manch ein Amerikaner hat wahrscheinlich sich selbst in ihnen wiederentdeckt.

Kapitel 3: Die Horrorcomics als Katharsis des Krieges

Das Amerika der 50er Jahre war gezeichnet von zwei Kriegen, dem zweiten Weltkrieg, der 1945 ein Ende fand, und dem Koreakrieg, der 1950 begann und bis 1953 andauern sollte. Insbesondere der letztere beschäftigte die Menschen in dieser Zeit. Auch hier ist ein eindeutiger Einfluss in den Horrorcomics zu bemerken, welcher in diesem Kapitel näher erläutert werden soll. Jetzt stellt sich natürlich die Frage, wie dieser im Detail aussah, zumal es vor allem gleichzeitig richtige Kriegscomics gab, welche eigentlich wie geschaffen für die Materie sein sollten.

Hier müssen noch einmal ganz klar die Unterschiede zwischen Horror- und Kriegscomics festgehalten werden: Krieg war ein festes Comicgenre, welches es bereits seit den 40er Jahren gab und hauptsächlich Propagandazwecke erfüllte. Sie stellten in ihren Geschichten den angeblichen Kriegsalltag dar und glorifizierten ihn mal mehr oder weniger. Dabei zeigten die Charaktere schlichte Emotionen wie Freude, Trauer und Hass.

KriegspropagandaTiefere Psychologie oder Denkanstöße, welche über die Seitenzahl hinausgingen, insbesondere bezüglich der Folgen der Kriegserlebnisse nach der Heimkehr, finden sich hier nicht. Ein Großteil dieser Comics entpuppt sich bei genauerer Betrachtung als oberflächlich. Nicht, dass die Horrorcomics sich als tiefenpsychologische Abhandlungen oder Charakterstudien verstanden, dennoch gingen sie anders mit diesem Thema um. Der essenzielle Unterschied zwischen den beiden Genres ist, dass sich die Kriegscomics im Allgemeinen nicht mit den Traumata und Emotionen der Kriegsheimkehrer befassten.

Bei der Lektüre bekommt der Leser oftmals das Gefühl, dass noch etwas zu fehlen scheint. Man betrachte hierzu einmal das Cover von Horrific #3, gezeichnet von Don Heck.

Zugegeben, dabei handelt es sich um einen Horrortitel, doch Jim Trombetta entdeckte, dass der Kopf des Mannes eigentlich eine Vergrößerung vom Kopf des toten Soldaten von War Fury #1 ist.  Wodurch es einerseits als Kriegscover gesehen werden kann, andererseits noch einmal verdeutlicht, dass die Grenzen zwischen diesen Genres fließend sind. Jim Trombetta bemerkte zur Darstellung auf dem Cover: „Heck’s portrait opens a mirror into not exactly an inner life but an inner dying, one that never reaches death.

Horrific#3Der Soldat auf dem Cover scheint weder lebendig noch tot zu sein, sondern dazwischen festgehalten. Die aufgerissenen Augen und der Mund deuten auf einen anhaltenden Schock hin, eine niemals endende Angststarre. Doch was genau hat er gesehen und vor allem: Wie hat dieses Erlebnis seine Wahrnehmung beeinflusst und ihn verändert (ehe er verstarb)?

Diese schwer fassbaren Empfindungen finden wir in den Kriegscomics nicht. Die Kriegscomics zeigen uns mehr oder weniger nur, was ihm wiederfahren ist, nicht was das mit ihm gemacht hat.
Wenn wir nun tatsächlich wissen wollen, was er anstarrt, seine Wahrnehmung auf höherer Ebene nachvollziehen wollen, müssen wir einen Horrorcomic aufschlagen. Diese gehen über  die der reinen Darstellung des Erlebten hinaus und zeigen, welche Folgen der Krieg auf den menschlichen Geist hat: den wahren Horror. Zu diesem Schluss kommt auch Jim Trombetta:

One function that horror comics served during the Korean War era was to portray the experiences that war comics were too delicate to show. […]The mainstream war comics […] attempted to provide an inoculation or escape from a horror that was all too real.“

Somit waren die Horrorcomics eine Art Ventil um die Dinge auszudrücken, die sonst keinen Platz fanden. Durch die Thematik der Comics boten diese den Zeichnern und Autoren die Möglichkeit, ihre dunklen inneren Gedanken und Gefühle zu verarbeiten, lediglich verschlüsselt und im Horrorgewand. So stellten diese Comics nicht den Krieg an sich dar, sondern dessen Auswirkungen auf das Innenleben der Menschen.
Die Horrorcomics stellen somit eine Katharsis des Krieges dar. Sie boten die Möglichkeit, Dinge darzustellen, die Kriegscomics nicht zeigen durften. Diese Themen konnten jedoch nur in abstrakter Form dargestellt werden, da sonst mit Zensuren durch McCarthy o.ä. zu rechnen war.

Im ersten Moment wirkt diese These eventuell haltlos. Doch scheint die Interpretation der Horrorcomics als abstrakte Darstellung des Innenlebens der Kriegsheimkehrer schlüssig, angesichts der teilweise doch sehr seltsamen und düsteren, fast surrealen Geschichten, welche sich in diesen Heften finden. Die Kriegserlebnisse gären unausgesprochen unter der Oberfläche dieser Comics und können lediglich indirekt thematisiert werden. Dinge, auf welche die Comics nur hindeuten, sie aber nicht direkt behandeln oder aussprechen können. Somit wäre es auch nachvollziehbarer, warum Zeichner Comics wie die folgenden anfertigen: Wenn ein Mensch etwas erlebt hat, das alles übertraf und veränderte, was er bisher kannte, braucht es auch neuartige besondere Bilder um diese Empfindungen auszudrücken.

WarfuryZunächst muss man sich einiger Zahlen bewusst werden: Allein im Koreakrieg wurden 38.000 Amerikaner getötet, etwa doppelt so viele verwundet. Es ist erwiesen, dass Kriegserlebnisse zu posttraumatischen Belastungsstörungen führen können. Doch was ist das eigentlich? Eine PTBS ist eine psychische Erkrankung, die auftreten kann, wenn ein Mensch einer außergewöhnlich starken Belastung oder Bedrohung ausgesetzt war, wobei gerade bei z.B. Soldaten dieses Risiko besonders hoch ist.

Durch die traumatischen Gefechtserlebnisse leiden die Betroffenen an Schlaf- und Konzentrationsstörungen, Alpträumen sowie Depressionen. Hinzu kommen wiederkehrende Erinnerungsfragmente, Flashbacks, die das Ereignis, welches die posttraumatische Belastungsstörung auslöste, wieder ins Bewusstsein rufen. Dies kann mitunter auch zu Halluzinationen führen. Es kann zur Beeinträchtigung der Lebenslust kommen und Betroffene neigen zu Wutausbrüchen, Entfremdung und Nervosität.

Auch eine allgemeine Persönlichkeitsveränderung kann stattfinden. Studien mit Veteranen aus dem Zweiten Weltkrieg belegen, dass mindestens 15% von ihnen, tendenziell eher mehr, an PTBS litten. Hinzu kam noch, dass viele der Soldaten drogenabhängig waren, da ihnen auf dem Schlachtfeld unter anderem Amphetamine zur Leistungssteigerung verabreicht wurden. Somit hatten die Kriegsheimkehrer nicht nur mit der Gesellschaft, sondern vor allem auch mit sich selbst zu kämpfen.

Stellt man sich nun einmal vor, dass eine Person mit diesen Problemen als Autor oder Zeichner in einem Comicverlag tätig wird, verwundern die teilweise völlig wahnsinnigen Geschichten nicht mehr ganz so sehr. Da es thematisch passte, war es für die Veteranen nur naheliegend, ihre Kriegsimpressionen, Tagträume, Gefühle und Psychosen in Horrorcomics zu verarbeiten. Hierbei ist im Nachhinein nicht mehr zu entscheiden, ob es vielleicht als Maßnahme zur Selbsttherapie gedacht war, oder ob es nur an der Ermangelung einer besseren Idee lag.

Auf jeden Fall sind viele Dinge, mit denen sich ein PTBS-Betroffener auseinandersetzen musste, in den 50er Jahren Horrorcomics wiederzuerkennen. Oftmals gehen sie jedoch im Horrorkontext unter. Dennoch sind diese Comics somit in gewisser Weise „ehrlicher“ und „authentischer“ als die Kriegscomics jener Zeit. Es lassen sich einige mehrfach vorkommende Handlungsmuster und Motive erkennen, welche man als Darstellung von posttraumatischen Belastungsstörungen deuten kann.

So findet sich einmal Todessehnsucht in den Horrorcomics. Es gibt eine Reihe von Geschichten, in denen Charaktere um jeden Preis sterben wollen, es ihnen aber nicht vergönnt wird. Hier wird die Situation der Kriegsheimkehrer dargestellt. Diese konnten durch ihre psychischen Probleme, insbesondere der Entfremdung, kaum am normalen Leben teilhaben und fühlten sich somit in gewisser Weise innerlich tot: Durch ihre charakterlichen Veränderungen und psychische Labilität distanzierten sie sich ungewollt von ihren Mitmenschen, sie waren mit ihren Problemen alleine.

Darüber hinaus stellte die Wiedereingliederung in die Gesellschaft eine zusätzliche Belastung für die Menschen dar. Dadurch kann man das Leben als so unerträglich empfinden, dass man ihm entfliehen will. Alles, selbst der Tod, scheint besser zu sein als das momentane Leben. Zu diesem Schluss kommen auch einige Figuren in den Horrorcomics dieser Zeit.

So auch in der passend betitelten Geschichte Doomed to Live aus dem Heft Strange Mysteries #6. Hier geht es um einen Häftling, der aus dem Gefängnis ausbricht und auf der Flucht schrecklich entstellt wird. Er versteckt sich in einem Haus auf dem Land, nachdem er dessen Besitzer umgebracht hat. Im weiteren Verlauf verzichtet die Geschichte fast vollkommen auf klassische Horrorelemente und porträtiert stattdessen die wachsende Verzweiflung des Mannes. Durch sein nun deformiertes Gesicht und seine Einsamkeit verliert er nach und nach jeglichen Lebenswillen, bis er sich nur noch wünscht, zu sterben.

Lebensmüde2

Nach einigen vergeblichen Versuchen wird er am Ende der Geschichte schließlich erlöst. Heute ist nicht mehr nachzuweisen, woher der Autor dieses Comics seine Inspiration nahm. Doch es ist nicht abzustreiten, dass, wenn man die Kriegsfolgen bedenkt, dieser Comic wie ein Einblick in das Seelenlebens eines PTBS-Kranken wirkt. Es wurde lediglich mit einigen beliebigen Horrormotiven vermengt, um es als Geschichte auf dem Comicmarkt verkaufen zu können.

Eine ähnliche, jedoch weitaus phantastischere Geschichte ist The Man Who Could Not Die (veröffentlicht in Adventures Into Darkness #10). Hier geht es um einen über 5.000 Jahre alten Pharao, der seinerzeit einen Pakt mit dem Tod schloss: Er ließ seine Pyramide über 10.000 Arbeitern einstürzen und dafür erlangte er Unsterblichkeit. Jedoch wird er weiterhin von den Schreien seiner Opfer verfolgt und will nun nur noch sterben, um diesen zu entkommen. So beauftragt er einen Killer, dies zu erledigen.

Dieser scheitert jedoch im Verlauf der Geschichte, und der Pharao schlurft am Ende seinem ungewissen weiteren Schicksal entgegen. Hier finden sich zwar auch typische Horrorcomicmotive wie der Auftragskiller und das Streben nach ewigem Leben, doch wieder lässt die Geschichte eine PTBS-Interpretation zu: Darauf deuten die Todessehnsucht, die Stimmen, die den Pharao verfolgen und die ausbleibende Erlösung hin. Das Leben selbst scheint in diesem Comic zur schlimmsten Bestrafung geworden zu sein.

Ein weiterer Comic, der diese Thematik aufgreift, ist The Scourge of the Undead aus The Beyond #18. Hier geht es um einen Kriminellen, der zum Tode verurteilt wurde. Jedoch schließt er mit einem seltsamen Mann einen Pakt, der ihm ewiges Leben verspricht. Dadurch überlebt er seine Hinrichtung und beginnt wieder zu rauben und zu morden.

Nach diesem formelhaften Start nimmt die Geschichte eine ungewohnte Wendung: Auch wenn der Mann nicht sterben kann, so beginnt sein Körper dennoch zu verrotten und zu faulen. So wirkt er abstoßend auf sein Umfeld und verliert  allmählich seinen Lebenswillen. Am Ende der Geschichte stürzt er sich auf einer Müllkippe in den Tod, welcher nun wie eine Erlösung erscheint.

Müllkippe2(Die ganze Geschichte finden Sie HIER)

In der wüsten Geschichte Cycle of Horror (aus Chamber of Chills #16) geht es um zwei Gangster, welche sich nach einem Raubmord in einem abgelegenen Haus verstecken. Es entbrennt ein Streit um die Beute. Vantucci ersticht seinen Partner, dieser schießt ihm jedoch noch eine Kugel in den Bauch. Danach zieht der Angeschossene seinen toten Partner aus und legt die Leiche aufs Bett, damit sich die Ratten um ihn kümmern.
Er flieht und macht sich auf die Suche nach einem Bett für die Nacht. Erst geht er in ein Hotel. Als Vantucci jedoch sein Zimmer betritt, liegt die Leiche seines Partners im Bett. Er flieht und sucht eine andere Unterkunft. Doch dort erwartet ihn wieder der Leichnam. Er flieht erneut. Beim dritten Mal erhebt sich die Leiche und erklärt Vantucci, dass er am Anfang durch die Kugel getötet wurde und sich nunmehr in der Hölle befindet, wo er auf ewig diese Szene wieder und wieder durchleben muss.

HorrorzyklusIn Cycle of Horror finden wir nicht nur das oft verwendete Motiv der Verfolgung durch etwas Übernatürliches: eine fast schon kafkaeske Situation, aus der es kein Entkommen gibt.
Auch die Schlusswendung, dass der Protagonist die ganze Zeit bereits tot ist, findet häufig Verwendung. Beides kann, wie zuvor erklärt, als Metapher für eine PTBS gedeutet werden. Die albtraumartige Qualität dieser Geschichte stellt keine Seltenheit dar bzw. entspricht sogar dem Stil und der Atmosphäre vieler Horrorcomics der 50er Jahre: Das Unterbewusstsein, Wahnsinn und der Übergang von Traum zu Realität werden oft thematisiert.

In vielen der Comics wurde auch das infrage gestellt, was wir als real annehmen und surreale Elemente werden eingeflochten. Auch in Cycle of Horror ist keine klare Grenze zwischen Realität und Jenseits zu erkennen, die Übergänge sind fließend. Wir sind also beim Lesen dieser Geschichten auch gezwungen, uns in gewisser Weise mit dem Unterbewusstsein des Autors auseinander zu setzen. Die komplette Geschichte erscheint unter DIESEM Link.

Das Unterbewusstsein und die Einbildungskraft sind also ebenfalls zentrale Themen in den Horrorcomics der 50er Jahre. Seitdem sie so starken Schaden durch die Kriege genommen haben, scheint in ihnen ebenfalls ein großes Gefahrenpotenzial zu lauern. Auch dass viele der Veteranen Probleme mit ihrem sozialen Umfeld hatten, sich entfremdeten und von ihren Mitmenschen abgewiesen wurden, zieht sich als Teil der Grundstimmung durch einen Großteil der Horrorcomics der 50er Jahre.

Hier wird auch die allgemeine Depression der Menschen spürbar: In den Comics gibt es praktisch keine Hoffnung, Happy-Ends sind eher die Ausnahme als die Regel. Auch der für die damalige Zeit sehr hohe Grad der Gewaltdarstellung in den Horrorheften lässt sich nur mit den traumatischen und vor allem brutalen Kriegserlebnissen der Zeichner erklären. Noch nie zuvor wurde dieser grafische Gewaltgrad in irgendeinem Medium erreicht. Der erste Splatterfilm der Filmgeschichte, Herschell Gordon Lewis‘ Blood Feast sollte erst 1963 erscheinen.

Zwar präsentierten Hefte wie Crime Does Not Pay bereits seit den 40ern zynische und grausame Geschichten mit hohem Gewaltgrad, jedoch ohne derartige drastische „Splatterszenen“. In der Comiclandschaft vor den Horrorcomics der 50er Jahren gab es derartige Szenen nicht oder zumindest nicht in diesem Ausmaß. Es muss also etwas vorgefallen sein, das derartige Bilder in das Bewusstsein der Menschen brachte, sodass diese sich später in den Comics wiederfanden.

Es ist daher nur naheliegend, den enormen Gewaltgrad auf die Kriege zurückzuführen. Hier ändert sich der Bezugsrahmen der Handlungen der Soldaten, und die Geschehnisse werden anders wahrgenommen als unter normalen Umständen. Soldaten scheinen sich schnell an die neuen Umstände im Krieg gewöhnt zu haben und sahen sie bald als Job oder sogar als Spaßerlebnis an. Es gilt sogar als erwiesen, dass Soldaten während Feuergefechten Erektionen bekommen konnten. Hinzu kam, dass während der Ausbildung der Soldaten, die in den Koreakrieg ziehen sollten, ganz gezielt auf eine Abwertung des Gegners hingearbeitet wurde.

Das hatte zum Ziel, dass die Soldaten diesen nicht mehr als Mensch ansahen. Durch diese Abstumpfung wurden viele Dinge, die in einer normalen Gesellschaft dem Standard entsprachen, von den Soldaten überwunden. Dazu gehören Moral, Respekt vor den Leichen der getöteten Gegner und schlicht und einfach Menschlichkeit. Wenn man nun diese emotionalen und psychologischen Veränderungen, die der Krieg in den Betroffenen auslöste, bedenkt, so sind die Gewaltszenen aus den Horrorcomics auch nicht schöner anzusehen. Aber es scheint nachvollziehbarer, wenn man weiß, woher die Faszination für das Morbide in diesen Heften kommt.

Neben diesen Versuchen, die abstrakten Gefühle des Unterbewusstseins zu verbildlichen, finden sich auch eindeutige Bilder in den Comics, welche auf Impressionen des Krieges zurückgeführt werden können.

SchrumpflachenEines dieser häufig wiederkehrenden Bilder sind Schrumpfköpfe. Sie sind Gegenstand unzähliger Geschichten. Der Grund, warum sie bei Comicautoren so beliebt waren, liegt weniger in ihrer mystischen Hintergrundgeschichte und der rituellen Bedeutung für Amazonasvölker, für die sie eigentlich stehen, sondern bei den konkreten Kriegserfahrungen der Amerikaner.
Amerikanische Soldaten betrieben im zweiten Weltkrieg eine regelrechte Kopfjagd, Unmengen an japanischen Schädeln wurden ihren Besitzern abgetrennt und als Trophäen mit nach Hause gebracht. Auch andere makabere Andenken wie Brieföffner aus Rippen o.Ä. wurden dokumentiert. Der scheinbar erste, thematisch ähnliche Fall im zweiten Weltkrieg war der KZ-Leiter Karl Otto Koch, welcher sich einen Briefbeschwerer aus einem Menschenkopf anfertigen ließ.
Noch vor Ende des Krieges 1945 veranstaltete der britische Offizier Tom Harrisson auf Borneo mit amerikanischen Truppen und Unterstützung durch die Eingeborenen tatsächliche Kopfjagden auf japanische Soldaten. Dabei dekorierte er auch gerne seinen Unterschlupf mit den Schädeln getöteter Feinde.

Bei diesen bestialischen Grausamkeiten ist es nicht weiter verwunderlich, dass das Bild des Schrumpfkopfes in das kollektive Bewusstsein der Soldaten eingebrannt wurde. Beim Schreiben der Comics wurden diese Impressionen dann wieder aufgegriffen. Jedoch wurden sie mit einem Horrorkontext versehen, einerseits um sie dem Markt anzupassen, andererseits da es zu Zeiten des Kalten Krieges bzw. der allgemeinen Angst vor dem Kommunismus nicht erwünscht war, derartige kritische Reflexionen des Kriegsgeschehens und damit Zweifel am Vorgehen der Amerikaner laut zu äußern.

SchrumpfgrauenViele der Soldaten schämten sich bald nach der Heimkehr für diese Souvenirs und versteckten sie, Reue oder Ekel stellten sich ein. Die Köpfe gerieten in Vergessenheit und wurden verdrängt.
Diese direkte oder indirekte Reue, das allmähliche Bewusstwerden der Soldaten, was sie getan hatten, kann man auch aus den Horrorcomics herauslesen: An den Stellen, wenn Schrumpfköpfe aktiv Rache begehen. Unzählige dieser Comics zeigen Szenen, in denen Menschen von Schrumpfköpfen attackiert oder getötet werden: Hier wollen die Schrumpfköpfe immer Rache für ein Unrecht. Es ist also eindeutig ein Schuldbewusstsein, ein Zweifel an der Tat sowie unterbewusste Angst vor Vergeltung vorhanden. Somit sind die Schrumpfköpfe sozusagen das Gewissen, das die Menschen darauf aufmerksam macht, dass sie einen Fehler gemacht haben. Nur dass es bereits zu spät ist, ihn wieder gutzumachen, wenn der Schrumpfkopf zuschlägt.

Somit hat der Schrumpfkopf in den Horrorcomics der 50er Jahre eine neue Bedeutung erhalten, er symbolisiert Vergeltung und Angst vor der Konfrontation mit der eigenen Vergangenheit. Er fungiert nicht als tatsächlich bösartige Bedrohung wie z.B. ein Werwolf oder Vampir, sondern vielmehr als eine höhere Macht, die, wenn auch häufig auf unnötig grausamen und undiplomatischen Wegen, für Gerechtigkeit sorgt.

Doch dies war noch nicht der gesamte Einfluss, den der Krieg auf die Gruselhefte hatte.

Eine der Kreaturen, welche die 50er Jahre Horrorcomics prägte wie keine zweite, war der Zombie. Der Grund für die Popularität und dadurch implizierte Verankerung des Zombies im Bewusstsein der Gesellschaft liegt wieder im Krieg. Zwar gab es diese Figur schon lange zuvor, sie wurde jedoch mit bestimmten Hintergrundgedanken wieder aufgegriffen.

So ist der Zombie einmal ein Todesbote, der in Anbetracht der Leichen auf dem Kriegsschlachtfeld, den Kriegserfahrungen und dem allgegenwärtigen Tod genau dem Zeitgeist entsprach. Er steht also für die Konfrontation der Menschen mit dem Tod. Er erinnert aber gleichzeitig auch an die eigene Sterblichkeit, und daran, dass niemand vor dem Verfall sicher ist. Der Zombie stellt die paradoxe Verbindung bzw. Vereinigung von Leben und Tod dar.

Eine weitere Interpretation, die der Zombie zulässt, ist die Angst vor dem Identitätsverlust: Zombies haben keine Gefühle, keine Gedanken und ihre frühere Identität oder Persönlichkeit ist nicht mehr feststellbar.

Jetzt stellt sich natürlich die Frage, welche Geschehnisse diese Angst hervorgerufen haben könnten. Jim Trombetta nennt einige konkrete Kriegsereignisse, die die damit in Verbindung gebracht werden können: Zum einen die „human-wave attacks“ der Chinesen im Koreakrieg. Es handelt sich hierbei um einen offensiven Frontalangriff, bei dem der Gegner mit einer großen, dichten Menge an Soldaten („Welle“), teilweise sogar unbewaffnet, ohne Rücksicht auf Verluste attackiert. Diese Taktik war zwar wenig effektiv, hatte jedoch eine starke psychologische Wirkung.

Ein anderes Ereignis war das Massaker von No Gun Ri. Hier flüchteten ca. 400 südkoreanische Zivilisten vor nordkoreanischen Truppen in Richtung einer von amerikanischen Soldaten bewachten Grenze. Die Amerikaner eröffneten das Feuer auf die Zivilisten, da sie unter ihnen nordkoreanische Agenten vermuteten. Das Massaker von No Gun Ri ging als eines der schlimmsten amerikanischen Kriegsverbrechen in die Geschichte ein.

In beiden Fällen, bei den „human-wave attacks“ und beim Massaker von No Gun Ri, sahen sich Soldaten mit großen, vorrückenden Menschenmassen konfrontiert, in denen es keine Individuen mehr gab und die Masse sich wie von einem kollektiven Bewusstsein gesteuert bewegte. Spätestens wenn sich die Soldaten am Ende des Gefechts von Leichenbergen umringt sahen, drängt sich der Gedanke einer Zombieinvasion auf: Umringt von Toten, die wie eine gewaltige Einheit wirken.
Hier gibt es keine Menschlichkeit und keine Gesellschaft mehr. Somit wurde der Zombie als Bedrohung etabliert, weil er durch sein völlig unsoziales Verhalten und seine Entmenschlichung ein Gegenstück zu Gesellschaft und Menschlichkeit darstellt.

Darkness8Es gibt noch einen letzten Aspekt des Zombiephänomens, der wahrscheinlich auch der zentralste ist: In unzählige Geschichten aus 50er Jahre Horrorcomics kehren Zombies aus dem Grab zurück und überwinden somit den Tod. Hierbei sind sie meist auf der Suche nach Rache für ein erlittenes Unrecht. Dadurch sind sie in Geschichten und auf Covern zu einem regelrechten Symbol für Vergeltung geworden.
Es geht im Kontext mit Zombies also auch immer um Schuld und Sühne. Betrachten wir z.B. das Cover von Adventures into Darkness #8.

Abgesehen davon, dass dieses Cover künstlerisch nett gestaltet ist, fällt eine Sache auf: Es ist nicht genau zu erkennen, wovor sich der Mann tatsächlich erschreckt.
Sind es alle Zombies, oder vielmehr nur der vorderste Zombie, der dem Mann mit dem Finger andeutet zu kommen. Diese Wesen wirken nicht, als wären sie von bösartiger Mordlust gepackt, sondern als kämen sie mit einem ganz bestimmten Hintergedanken. Zwar wirken sie ganz klar bösartig, dennoch scheinen sie es genau auf den Mann im Vordergrund abgesehen zu haben. Und er scheint dies zu wissen: Er erschrickt weniger davor, dass die Toten sich erheben, sondern dass sich die Probleme, die er für begraben hielt, ebenfalls erheben.

Zombies stehen somit für Dinge, die man loswerden will, aber nicht kann. Für Dinge, die man vergessen will, die jedoch nicht vergessen werden wollen. Oftmals suchen sie in den Comics Rache an einer bestimmten Person, manchmal scheint ihre Wut einfach gegen alle Menschen gerichtet zu sein. Der Zombie kann nicht ruhen, solange das Unrecht, das ihm angetan wurde, nicht gesühnt ist.

Bedenkt man, wie selbstverständlich Auferstehungen in Horrorcomics teilweise dargestellt werden, kommt man zu dem Schluss, dass diese Comicwelt voll von Schuld und Sünde ist. So voll von Schuld, dass Tote immer ausreichend Gründe haben, um zurückzukehren. Der Zombie ist somit auch ein Zeichen dafür, dass die Welt nicht mehr im Gleichgewicht ist.

Bezieht man dies nun auf die realen Kriege der 50er Jahre, so kann man den Zombie-Gedanken eindeutig als Reaktion darauf deuten. Jim Trombetta fand den Interpretationsansatz, dass die Toten durch den sinnlosen Tod durch Kriege, Kriegsverbrechen, Konzentrationslager und Atombombenzündungen von einer Art Neid auf die Lebenden erfüllt sind.

Die Katharsis dieser Ereignisse, welche für Vergeltung und einen Ausgleich sorgen könnte, wäre die Auferstehung der Toten. Dies wäre dann einen Angriff auf die gesamte Menschheit, der keine persönlichen Motive mehr enthält: „Now it is not personal guilt but personal innocence that attracts the zombie’s vengeance.

ZombiegrabEs scheinen die Toten des Krieges zu sein, denen Unrecht widerfahren ist und die Vergeltung verdient haben. In der realen Welt wirkt es, als würden sie diese Vergeltung nur selten bekommen (so äußerte sich die amerikanische Regierung offiziell zu dem Vorfall in No Gun Ri erst im Jahr 2001!). In den Comics wird damit der Wunsch nach klaren Verhältnissen und somit auch nach einem gerechten Krieg geäußert. Ein Versuch, mithilfe der Fiktion der Sinnlosigkeit des Krieges zu entkommen.

Der Zombie war in den Horrorcomics in den 50er Jahren so beliebt und populär, da er, wenn auch mit brachialen Mitteln, für Gerechtigkeit und Gleichgewicht in den Comics sorgte. Ein Wunsch, den die Realität zu diesem Zeitpunkt nicht erfüllen konnte. Der Zombie ist somit also eine Art Racheengel für die Toten des Krieges, die keine Ruhe finden.

Eine weitere Impression des Krieges, welche in den Comics Verwendung fand, ist Gehirnwäsche. Das Wort Gehirnwäsche stammt vom englischen „brainwashing„, welches wiederum von den Chinesen im Koreakrieg geprägt wurde. Hierbei handelt es sich um eine Form psychischer Manipulation, die auf eine  Veränderung der Persönlichkeit abzielt. Im Idealfall dient Gehirnwäsche dazu, einem Gegner die eigene Ideologie einzupflanzen und somit dazu zu bringen, die Seiten zu wechseln.
Versuche dieser Art sind von den Chinesen im Koreakrieg mit Erfolg an Gefangenen durchgeführt worden: Etwa ein Drittel der amerikanischen Kriegsgefangenen waren geistig zu den Kommunisten übergelaufen.

Dies stellte nicht nur eine Bedrohung dar, sondern zeigte auch, dass die Ideologie der Amerikaner, die auch ihre Identität ausmachte, keineswegs unantastbar war. Somit war nun nicht nur ein Verlust des Lebens möglich, sondern auch ein Verlust der Identität und der Möglichkeit, frei zu denken. Der Mensch war nun scheinbar nicht einmal mehr in seinen Gedanken sicher. Der Kampf der Ideologien, der in den 50ern begann und im Kalten Krieg noch lange weitergehen sollte, wurde hier bereits klar herausgestellt.

BrainBatAuch in den Comics zeigte sich diese Angst vor dem Persönlichkeitsverlust. So unterstützte sie einerseits die Popularität des Zombies und schuf jedoch auch gleichzeitig eine ganz neue Handlungsprämisse für die Comics.
So finden wir Geschichten, in denen fremde Kreaturen, meist Außerirdische, den Körper der Menschen übernehmen oder ihren Geist beeinflussen und sie damit in eine andere Art Zombie verwandelten.

Basil Wolverton war ein Zeichner, der sich auf derartige Thematiken spezialisiert hatte und teilweise wirklich beeindruckende Geschichten schuf. Zu diesen gehört auch Brain-Bats of Venus (veröffentlicht in Mister Mystery #7). Hier geht es um zwei Astronauten, die auf die titelgebenden Brain-Bats treffen, außerirdische Parasiten, die die Körper anderer Lebewesen unter ihre Kontrolle bringen.

Es ist hierbei auch bezeichnend für die Hoffnungslosigkeit der Menschen, dass am Ende der Geschichte der Held unterliegt und die Bösen gewinnen. Im Schlusspanel wird der Mann, der nun unter der Kontrolle eines Außerirdischen ist, sogar direkt als Zombie bezeichnet. Hier wird klar, wie sehr die Ereignisse des Krieges die Menschen geprägt haben: Die Brain-Bats stellen eine der eindeutigsten Metaphern für „brainwashing“ in diesen Comics dar und verdeutlichen einmal mehr, dass die Horrorcomics die Ängste und Befürchtungen der amerikanischen Gesellschaft in den 50er Jahren in verschlüsselter Weise wiedergeben.

Das letzte Motiv aus den Comics, welches mit Krieg in Zusammenhang gebracht werden kann, um diesen Themenkomplex abzurunden, ist das sogenannte „Injury-to-the-Eye-Motif„. Dieses Motiv umfasst alle Arten von Verletzungen, welche das Auge betreffen. Der Psychiater und Comicgegner Fredric Wertham entdeckte und prägte diesen Begriff erstmals in seinem Buch Seduction of the Innocent. Und zumindest in dieser Hinsicht hatte er Recht: Erlangt man einmal einen groben Überblick über die Horrorcomics der 50er Jahre, so fällt auf, dass es sich dabei um ein überaus populäres und, unabhängig vom Kontext, häufig verwendetes Motiv handelt.

EyemotifAuch bei diesem Motiv ist der Krieg der am nächsten liegende Interpretationsansatz. Gerade wenn man die zuvor erwähnten Befunde beachtet: Die Soldaten sahen im Krieg schreckliche Dinge, die bleibende Schäden hervorriefen.
Dinge, von denen man sich im Nachhinein wünscht, man hätte sie nicht gesehen. Die Verletzung oder Zerstörung des Auges in den Comics kann also als Metapher dafür gesehen werden, Zeuge von etwas Schrecklichem zu werden, das den Betrachter regelrecht schädigt.
Gleichzeitig ist dies eine menschliche Urangst, welche besonders dadurch so furchteinflößend ist, da sie einen der wichtigsten Sinne des Menschen betrifft, dessen Verlust eine starke Einschränkung bedeuten würde.

Die Angst vor dem gewaltsamen Verlust des Augenlichts ist jedoch nichts neues, sie wird bereits 1817 in E.T.A. Hoffmanns Der Sandmann behandelt, in dem der Sandmann als Monster auftritt, das Kindern die Augen herausreißt: „[…] der Sandmann? […] der kommt zu den Kindern, wenn sie nicht zu Bett gehen wollen, und wirft ihnen Händevoll Sand in die Augen, dass sie blutig zum Kopf herausspringen […].

Auch später wurde diese Angst noch oft aufgegriffen, z.B. in den Horrorfilmen von Lucio Fulci finden sich viele derartige Szenen. Man denke nur an die bekannte Szene aus Woodoo – die Schreckensinsel der Zombies, in der eine Frau einen Holzsplitter ins Auge gerammt bekommt.

Somit bedienten sich die Comiczeichner und -Autoren jener Metapher, da sie ihre inneren Empfindungen sowie deren Wichtigkeit ausdrückte und auch für Außenstehende begreifbar machte. Die Soldaten hatten schreckliche Dinge erlebt. Dinge, die sie sehr stark veränderten, die sie aber auch an der  Gesellschaft und der Menschheit zweifeln ließen. Sie hatten ihre gesamte Wahrnehmung und Weltbild zerstört. Jedoch waren diese Dinge nicht direkt greifbar und wurden auch von der Allgemeinheit nicht zur Sprache gebracht.

Daher funktionieren die Horrorcomics dieser Zeit, wenn man in der Lage ist, ihre symbolische und metaphorische Art der Darstellung zu entschlüsseln, auch als psychologische Studie über die amerikanischen Kriegsheimkehrer.

Kapitel 4: Die diffuse Angst vor Technik, dem nuklearen Holocaust
und der Rationalisierung

Das Leben der Menschen im Amerika der 50er Jahre war geprägt von einer Vielzahl an technischen Neuerungen, welche die Grenzen des bisher als machbar Geltenden sprengten. Es gab nun Dinge wie Mikrowellenherde, Langspielplatten und Sofortbildkameras. Ebenfalls in Amerika erfunden wurden in diesem Zeitraum: ein Transistor, der erste elektronische Computer, die Kreditkarte sowie die Herz-Lungen-Maschine. Gleichzeitig etablierte sich der Fernseher als Massenmedium. Nach dem Zweiten Weltkrieg erlebte die amerikanische Industrie einen Aufschwung, was die erhöhte Produktion und Entwicklung von Technik erklärte. In dieser Hinsicht hatten Technik und Fortschritt also einen sehr positiven Einfluss auf das Leben der Menschen in Amerika, welchem man sich kaum entziehen konnte.

Dies alles stand jedoch im Schatten der atomaren Bedrohung. Am 6. und 9. August 1945 warfen die Amerikaner die Atombomben auf Hiroshima und Nagasaki ab. Die Sowjets stellten 1949 die Atombombe fertig. Gleichzeitig arbeiteten amerikanische Wissenschaftler an der Wasserstoffbombe, welche 1952 erstmals gezündet wurde. Seit 1947 dauerten nun bereits der Kalte Krieg und das damit verbundene Wettrüsten an, wodurch ein Angriff mit Atomwaffen, sollte die Situation eskalieren, theoretisch jederzeit möglich gewesen wäre.

Auch wenn die Gefahr offiziell heruntergespielt wurde, z.B. durch attraktive Werbungen für Atomschutzbunker und optimistische Prognosen für den Ernstfall, und ein großer Teil der Bevölkerung demzufolge einmal genau wusste, was radioaktive Strahlung tatsächlich bewirken konnte, machten sich dennoch Skepsis und Ungewissheit in der Bevölkerung breit. Dadurch, dass es sich beim Kalten Krieg um einen totalen Krieg handelte und er alle Bereiche des täglichen Lebens okkupierte und sich dadurch sogar auf die vermeintlich unpolitischen Bereiche wie Musik und Film auswirkte, war der Ernst der Lage für jeden eindeutig zu erkennen. Dadurch wurden die Menschen in ihrer diffusen Angst bestätigt.

So entstand ein spezielles Klima in der Bevölkerung, deren Bezug zu Technik und Fortschritt einerseits von Unwissenheit, andererseits von der Furcht vor dem nuklearen Holocaust geprägt war. Die Menschen hatten auch schlicht Angst davor, weil sie es nicht komplett verstanden. Die Einstellung zu Technik war nun tendenziell feindselig und von Furcht erfüllt. Dadurch kam die Frage auf, was für Folgen oder Nebenwirkungen die Technologie mit sich bringen kann.

LastManSelbst die Regierung gab sich Fantasien hin, wie z.B. der Idee eines Weltraumkrieges gegen die Sowjetunion mithilfe eines Raumschiffes, ein „star war“ also. Es machte den Eindruck, dass Technik alle Türen öffnen könnte und nun alles möglich sei, alle Träume der Menschen machbar.
Wenn man dies auf die Auswirkungen von Radioaktivität bezog, bedeutete es jedoch auch, dass alle Alpträume und Ängste der Menschen nun Realität werden konnten.

Die Technik, insbesondere die Atomenergie und ihre Auswirkungen, regte die Fantasie an, schürte zugleich jedoch surreal-abstrakte Furcht.

Angesichts dieser Bedrohung wurde nun auch die Frage nach dem Sinn des Ganzen bzw. in religiöser Hinsicht nach Gott laut. Als Konsequenz wurde somit auch die Ideologie der Menschen von dieser Veränderung ergriffen: Eine Rationalisierung fand statt.
Betrachtet man das Amerika in den 50er Jahren, wirkte die Vorstellung eines Gottes, insbesondere des christlichen, überholt. Einerseits ist es schwer, an einen gütigen Gott zu glauben, wenn man ständig am Rande der totalen Vernichtung steht. Andererseits schien der Mensch nun mittels seiner Technologie zu allem fähig zu sein, er selbst ist an den Platz des Schöpfers getreten.

Der Mensch hat Gott überwunden und gibt nun in Eigenregie den Weg an, selbst Dinge wie Raumfahrt schienen nun zum Greifen nahe. Damit verbunden war auch ein Verlust von Ethik und Moral, bzw. eine veränderte Betrachtungsweise dieser. In einer Welt ohne Gott verschwindet zwangsläufig auch das damit verbundene Prinzip von Sünde, Gerechtigkeit und Rechtschaffenheit. Das Gewissen wird ebenfalls hinfällig.

Jedoch sollte man nicht davon ausgehen, dass mit dem Beginn der Technologiesierung schlagartig alle Menschen zu Atheisten wurden. Vielmehr ist die Tendenz gemeint, dass das Handeln von dieser neuen Ideologie bestimmt wird und dabei die Ethik vor der technischen Notwendigkeit verschwindet. Der Fortschritt könnte unter Umständen mehr zählen als ein Menschenleben.

Jedoch war es damals kaum möglich, diese doch sehr „unamerikanischen“ Gedanken direkt zur Sprache zu bringen: Der Grund dafür lag im Kalten Krieg, bei dem es sich auch um einen Krieg der Ideologien handelte. So stand in den Augen der Amerikaner die USA für Freiheit und Demokratie, während die kommunistische Sowjetunion Diktatur und Konformität verkörperte. Der Kommunismus war nun der offizielle Feind Amerikas.

Man war der Meinung, jegliches kommunistische Gedankengut könne zur Gefahr werden, was zu politischen und sozialen Spannungen und Verfolgungen führte. Als Spionage der Sowjets in Amerika aufgedeckt wurde, verstärkte sich die Paranoia nur noch. „Kommunistenjäger“ wie McCarthy veranstalteten eine regelrechte Hexenjagd, um jedes antiamerikanische Gedankengut im Keim zu ersticken. Jeder Bürger, der nicht die typisch amerikanischen Ideale zu verkörpern schien oder sich gar der Gegenseite annäherte, machte sich gleich verdächtig und konnte sich gravierende Probleme einhandeln.

Es ist also naheliegend, dass man Gedanken wie das Eskalieren des Ost-West-Konfliktes oder Zweifel am aktuellen Kurs der amerikanischen Industrie und Politik nicht direkt zur Sprache bringt, sondern sie in Fiktion verpackt, wie z.B. Horrorcomics. Dieses Medium bot sich, wie in den vorherigen Kapiteln bereits dargelegt, aus verschiedenen Gründen an, um die Tagträume, Befürchtungen und Phantasien der Amerikaner in den 50er Jahren auszudrücken. Einer war schlicht, dass sie einen passenden düsteren Ton besaßen. Und auch wenn man um seine Existenz angesichts des möglichen nuklearen Holocausts fürchtete, so war es doch nicht verkehrt, noch eine unterhaltsame Comic-Story daraus zu schlagen.

So sind in den Horrorcomics diese Themen eindeutig wiederzufinden, jedoch oftmals in Form von verschlüsselten Symbolen. Diese Auffassung, dass starke Einflüsse in den Comics zu bemerken sind, teilt auch Jim Trombetta: „Horror comics offer a privileged glimpse into the Age of Nuclear Terror.

Die Angst vor der atomaren Bedrohung ist eine häufig verwendete Thematik in den Comics, jedoch meistens erst auf den zweiten Blick zu erkennen. So ist meistens nicht die Atombombe Gegenstand der Geschichte, sondern sie wird durch eine Metapher ersetzt. Diese besitzt dann jedoch noch immer die Eigenschaften, die die Menschen damals der Atombombe zuschrieben. Das können z.B. Schleimmonster oder Außerirdische oder weitaus abstrusere Metaphern, wie eine Wolke oder ähnliches sein.

BöseWolke2Stets haben sie jedoch einiges gemeinsam: Sie sind gefährlich, tödlich und für den Menschen schwer zu begreifen. Oftmals kommen sie aus einer anderen Welt oder unsere Naturgesetze haben für sie keine Gültigkeit. Hierin manifestiert sich deutlich die Angst vor dem Unbekannten.

Gelegentlich wird auch Radioaktivität direkt erwähnt, dann meistens als Ursache für die Entstehung eines Monsters oder ähnliches. Hier sind es auch stets negative Folgen, was erneut zeigt, dass die Menschen unsicher waren, was diese Strahlung bewirkt. Es ist zwar abwegig, dass sie Monster erschafft, aber immerhin theoretisch möglich, da keiner es besser wusste.

Auf die Idee des nuklearen Holocausts, der totalen Vernichtung allen Lebens, wird nur in einigen Geschichten oder auf einigen Covern mehr oder weniger direkt angespielt. Diese Seltenheit dürfte einmal mit der Angst vor Zensur und Repressalien zusammenhängen. Noch naheliegender ist es jedoch, dass es schlicht einfacher war, eine  Geschichte um ein Monster oder eine Kreatur, die durch Radioaktivität geschaffen wurde aufzubauen, als um eine so dermaßen gewaltige Bedrohung wie die Detonation einer Atombombe.

Auch eine Skepsis Technik und Wissenschaft gegenüber äußert sich in recht krasser Form in den Comics. Allerdings bilden die Comics nicht wirklich Wissenschaft ab, auf Realismus wird hier nicht geachtet, es werden munter jegliche Gesetze der Natur ignoriert, und die Wissenschaftler selbst wirken allesamt mehr als fragwürdig.

Die Wissenschaft ist hier zu einer Parodie verkommen. Der Begriff „mad science“, der auch in vielen B-Filmen dieser Ära Verwendung fand, ist hier passender. Die Wissenschaftler erinnern hier mehr an Hexenmeister oder Alchemisten.

Allgemein kann gesagt werden, dass Technik und Wissenschaft immer zur Katastrophe führen. Egal, ob Köpfe in Reagenzgläsern am Leben erhalten werden, Mutanten entstehen oder Tore in andere Dimensionen geöffnet werden. Immer gibt es früher oder später Probleme, und auf ungute Weise eskaliert die Situation.
Hier wird auch wieder der Aspekt der Beherrschbarkeit erkennbar, eine Angst, die auch in der Ungewissheit bezüglich der Radioaktivität begründet liegt. Eine oft auftretende Wendung ist ein Wissenschaftler, der die Kontrolle über seine Schöpfung verliert und dadurch getötet wird. Der Gedanke, sich mit etwas anzulegen, das man nicht beherrschen kann, kommt auch hier zur Sprache.

Ein weiterer typischer Aspekt, der in dieser Geschichte auftaucht, ist der Missbrauch von technischen Errungenschaften: Kaum wird in den Horrorcomics eine Entdeckung gemacht, denkt augenblicklich jemand darüber nach, wie man diese am besten zum persönlichen Vorteil nutzen kann. In Nightmare aus Chamber of Chills #15 kontrolliert ein böser Wissenschaftler ein von ihm erschaffenes Schleimmonster und bringt damit Tod und Zerstörung über die Welt – bis er am Ende der Geschichte zusammen mit seiner Schöpfung besiegt wird und somit die gerechte Strafe bekommt.

SchleimmonsterWissenschaft und Technik symbolisieren Stärke und verleihen Macht über andere Menschen. Fortschritt dient hier nicht dem Wohl der Menschheit, wie er eigentlich sollte, sondern lediglich dem persönlichen Vorteil.

Interessant sind hierbei auch die in den Comics gezogenen Parallelen zwischen Wissenschaft und Okkultismus. Es gibt ähnliche Geschichten über Menschen, die mit schwarzer Magie experimentieren und denen diese über den Kopf wächst, nur hier ist es anstelle des Wissenschaftlers ein Satanist und anstelle der Technik die schwarze Magie.
In beiden Fällen vollbringt er auf für den Leser unverständliche Wege scheinbar Unmögliches. Es sind beides Mächte, die man nicht herausfordern sollte und deren Strafe der Tod ist. Es ist also eindeutig, dass die Comics eine negative Haltung Wissenschaft und Technik gegenüber haben, wenn sie dort im Endeffekt die gleichen Konsequenzen haben wie Satanismus.

Ein sehr eindeutiges Beispiel dafür ist Death Is my Hobby aus Journey into Fear #7.  Hier geht es um einen Mann, der ein altes Buch findet, mit dessen Hilfe er einen Dämon beschwören kann. Der Mann nutzt den Dämon, um „böse“ Menschen wie z.B. Diktatoren zu ermorden. Hier vollbringt er noch scheinbar „gute“ Taten, auch wenn er fragwürdige Moralvorstellungen besitzt.
Bald jedoch verfällt die Hauptfigur dem Wahnsinn und verlangt vom Dämon, seine Frau zu töten, da er fürchtet, diese könne ihn verraten. Der Dämon hat jedoch überraschenderweise klare Prinzipien und weigert sich eine Unschuldige zu töten. Er wendet sich gegen seinen Meister und bringt ihn um, auch wenn dies seinen eigenen Tod bedeutet.

Dämonen2Auch wenn die Geschichte natürlich enorm abstrus ist, finden wir hier viele Elemente, die sich auch in Horrorcomics mit Wissenschafts-Thematik entdecken lassen: Die fremde Macht, die herausgefordert wird; die Hauptfigur, die allmählich die Moral ablegt und etwas, das für das Gute hätte genutzt werden können, für das Böse einsetzen will.

Nur eines sticht an dieser Geschichte heraus: Die moralischen Prinzipien des Dämons, welche er auch im Schlusspanel in einem Appell an den Leser noch einmal klar macht. Auch hier ist diese direkte Ansprache natürlich nur ein Versuch, den Leser mit einem Schauern zu entlassen. Dennoch bietet die Geschichte somit eine klare Moral: Es gibt Kräfte, die man nicht herausfordern sollte. Und geht man davon aus, dass im letzten Panel mit „demons“ vielleicht die Atomenergie gemeint ist, so scheint der Ratschlag des Dämons im Amerika der 50er Jahre mehr als angebracht.

Die eingangs erwähnte, in den 50er Jahren omnipräsente Überschreitung des bisher Vorstellbaren und der damalige Machbarkeitswahn waren auch für die Horrorcomics prägend. Denn wenn alles machbar ist, gilt dies auch für die Alpträume der Menschen. Die Prämisse, dass Alpträume real werden könnten, verfolgen sehr viele Geschichten. Das würde auch die seltsame traumartige Atmosphäre und völlig unrealistischen und absurden Inhalte einiger dieser Comics erklären.

Eine schöne Beispielgeschichte ist hier A Death for a Death, die passenderweise tatsächlich Elemente aus Kafkas Die Verwandlung enthält:

Verwandlung(die komplette Geschichte können Sie HIER lesen)

Wie die meisten dieser traumartigen Comics lässt auch diese als Interpretationsansatz die Verarbeitung der PTBS von Kriegsheimkehrern zu.

Diese und andere Geschichten finden sich häufig in den Comics. Geschichten, die teilweise einfach nur noch grotesk sind und sich jeder Klassifizierung entziehen. Sie lassen den Leser nur erahnen, wie immens die Fantasie der Amerikaner in den 50er Jahren durch den Gedanken, dass nun alles möglich, angeregt worden sein muss. Nichts schien mehr zu fantastisch, um es zu Papier zu bringen. Aber es konnte auch alles ins Bedrohliche umschlagen.

Es ist also in den Horrorcomics insgesamt eine überaus negative Sicht auf Technik zu erkennen, sie scheint brandgefährlich und unzähmbar zu sein. Es gibt in den Comics anscheinend keine Möglichkeit, sie zum Guten einzusetzen, egal ob die Gefahr jetzt von der Erfindung an sich oder von den Menschen, die sie missbrauchen ausgeht.
Damit positionieren sich die Horrorcomics ganz klar im Gegensatz zu anderen Comics ihrer Zeit, die ein eher positives Licht auf Wissenschaft und Technik werfen. Gerade in Superhelden- und Science-Fiction-Comics ist Technik stets ein nützliches Hilfsmittel. Das wohl populärste Beispiel ist Batmans Batmobil, welches besonders durch dessen fortschrittliche Technik auffällt.

BatmobilSomit verweigern sich die Horrorcomics klar der Technikaffinität, welche in der amerikanischen Gesellschaft zu diesem Zeitpunkt zumindest offiziell vorherrscht und sich auch in diversen Comics niederschlägt.
Sie  zeigen die Kehrseite der Medaille auf. Auch wenn ihre Aussagen extrem sind, so scheinen sie dennoch eine gewisse Sorge auszudrücken, wohin die Atomenergie und all die andere Technik noch führen können. Doch liegt die Furcht hierbei nicht nur in den direkten Folgen des Fortschritts, sondern auch in jenen, die er auf das Innenleben der Menschen haben könnte, nämlich vor allem die Rationalisierung.

Rationalisierung ist weniger ein zentrales Thema von 50er Jahren Horrorcomics als vielmehr ein Bestandteil ihrer Atmosphäre, des Weltbildes, welches diese Comics enthielten. So fällt die Haltung zur Religion und ähnlichem in diesen Geschichten im ersten Moment wenig auf, ist bei genauerer Betrachtung jedoch eindeutig zu erkennen.

Die Rationalisierung ist in den Comics nicht zwangsläufig mit Technik verbunden, jedoch tauchen diese beiden Themen oft gemeinsam auf. Man betrachte die vielen mad scientists der Horrorcomics: Sie haben die Rationalisierung und damit eine der größten Ängste der Amerikaner verinnerlicht. Sie haben keine Achtung mehr vor dem menschlichen Leben, die Wissenschaft und der Fortschritt rechtfertigen die Opfer. Die Technik ist hier wichtiger als der Mensch.

So auch in The Ressurected Head (aus dem Heft  Worlds of Fear #4), wo ein böser Wissenschaftler namens Dr. Alpha Köpfe von Tieren und Menschen abtrennt und im Labor mithilfe von Maschinen am Leben erhält, ohne sich um das Leiden seiner Versuchsobjekte zu kümmern. Er arbeitet mit Gangstern zusammen und schreitet auch nicht ein, als diese einen seiner „Patienten“ brutal foltern, um Informationen zu erlangen.
Man beachte hierbei besonders die stark negative Beschreibung der Experimente in den Textkästen der Geschichte. Es ist eine eindeutig ablehnende Haltung zu erkennen.

ResurrectedHeadTrotz ihrer Überspitztheit kann man diesen und ähnliche mad scientists eindeutig interpretieren. Sie stehen für die amerikanischen Wissenschaftler der 50er Jahre, die regelmäßig Grenzen überschritten und immer wieder völlig Neuartiges schufen. Somit zeigen die Horrorcomics nicht, wie diese Wissenschaftler tatsächlich waren. Jedoch zeigen sie eindeutig das dar, wovor sich die Amerikaner fürchteten.

Die mad scientists stellen das Schlimmste dar, was aus einem Wissenschaftler werden könnte, wenn er allmählich seine Moral ablegt. Somit war die Angst der Menschen auch, dass die Rationalisierung irgendwann vielleicht einmal so weit voranschreitet, dass die realen Wissenschaftler der USA von denen in den Comics nicht mehr zu unterscheiden sind. Dies fällt besonders auf, da The Ressurected Head, um bei diesem Beispiel zu bleiben, durch das Fehlen von Moral und Mitgefühl fast mehr schockt als durch die kranken Experimente.

Die Comics zeigen eindeutig, wie die amerikanische Bevölkerung diese Wissenschaftler und Forscher wahrnahm: Als bösartig und moralbefreit. So wäre die Darstellung nur noch eindeutiger, wenn Dr. Alpha in der Geschichte eine Atombombe bauen würde. Man ist bereit, für den Fortschritt jedes Opfer zu bringen.
Hier sieht man, wie eng diese beiden Ängste, vor Technik und Rationalisierung, im Kern miteinander verbunden sind. Und wie sehr sich die Amerikaner zu dieser Zeit vor dem Verlust der Moral, des Gewissens und der Menschlichkeit fürchteten. Dies erklärt auch, warum Rationalisierung im Bezug zum Kalten Krieg ein so wichtiges Thema ist und warum es die Menschen beschäftigte. Aber natürlich bedeute Rationalisierung noch viel mehr, vor allem im Bezug auf Glauben, ein Thema im Horrorcomic, dessen Betrachtung sich auch eindeutig lohnt.

Als allererstes fällt auf, dass Religion in den Horrorcomics mehr oder weniger nicht existiert. Die katholische Kirche oder gar ein Pfarrer tauchen überhaupt nicht auf. Jim Trombetta sprach daher auch von einer „pre- and/or post-Christian era„. Wenn z.B. einige Eingeborene eine Rolle in der Geschichte spielen oder okkulte Rituale stattfinden, wird das spirituelle Potenzial dieser Geschichte in dieser Hinsicht niemals genutzt. Viel ausführlichere Erläuterungen als die folgende aus Chamber of Chills #5 gibt es nur selten:

GodsAreAngryEs scheint offensichtlich, dass der Autor kein großes Interesse an der fremden Kultur hat, sondern tatsächlich nur schnell seine Geschichte erzählen will. Der Grund dafür könnte auch einfach Unwissenheit sein.

Aber auch innerhalb der Geschichte hat diese Herangehensweise an spirituelle und okkulte Praktiken einen weiteren Grund: Derartige Dinge werden hier stets rational gesehen, man überlegt, wie sie zum persönlichen Vorteil genutzt werden können, bzw. was für einen Nutzen sie überhaupt haben. Alles Weitere spielt dabei keine Rolle. Die Rationalisierung ist sowohl in den Köpfen der Autoren als auch in den Köpfen der Protagonisten der Comics zu erkennen.

Hierbei tritt eines besonders deutlich hervor: In annähernd keiner Geschichte wird ein Vampir mit einem Kreuz abgewehrt. Eine Szene, die gerade in Vampir-Filmen davor und danach bis heute fast obligatorisch wirkt, findet in Horrorcomics der 50er Jahre so gut wie nie Verwendung. Hier scheint das Christentum jegliche Macht verloren zu haben, es ist eine gottlose Welt.

Wenn in den Horrorcomics eine höhere Macht auftaucht, ist sie fast ausschließlich böse: Höhere Wesen, die Menschen manipulieren und in keinster Weise dem Bild eines gütigen Gottes entsprechen, wie es die christliche Mythologie geprägt hat.
Eine Geschichte, die dieses Weltbild auf den Punkt bringt, ist The Greatest Secret on Earth (veröffentlicht in This Magazine Is Haunted #14). Hier findet ein Mann heraus, dass alle Menschen in Wirklichkeit Marionetten von höheren gottgleichen Wesen sind, die die Menschen mit Fäden steuern und zu ihrer persönlichen Belustigung die schrecklichsten Dinge tun lassen.

HöhereMächte2(die vollständige Geschichte können Sie HIER einsehen)

Im Allgemeinen sind diese Comics daher im Kern klar atheistisch. Selbst in The Greatest Secret on Earth gibt es zwar mächtige und manipulative Wesen, doch eine tatsächliche höhere Ordnung oder ein gütiger Gott existiert nicht.
Nicht einmal eine Bedeutung oder Symbolik der höheren Wesen ist vorhanden: Sie existieren einfach. Trotz dieser eigentlich atheistischen und auch nihilistischen Grundhaltung finden sich in vielen Geschichten christliche Symbole und Motive. Der christliche Glaube scheint also einmal existiert zu haben, anscheinend wurde er jedoch abgeschafft. Demzufolge scheint Trombettas Aussage, es handle sich um eine „nachchristliche Ära“, zuzutreffend.

Wie bereits in den anderen Kapiteln dargelegt, zeigen die Horrorcomics eine Welt, in der nichts Positives oder Gutes mehr existiert, die Gesellschaft ist verdorben, genau wie das Innere der Menschen. Doch hier, durch die Impressionen des Kalten Krieges, negieren sie auch jegliche Hoffnung auf Besserung in der Zukunft und erreichen somit den Gipfel der Demontage der amerikanischen Gesellschaft und deren Ideologie.

Schlusswort:

Bei der Analyse dieser Comics fällt auf, dass sie eine stark satirische Ausprägung haben. Sie besitzen einen tatsächlichen Realitätsbezug, welcher jedoch von Symbolen und Metaphern kaschiert wird. Dies äußert sich dahingehend, dass in diesen Comics nichts heilig ist und sie vor nichts Respekt haben. Die dort dargestellte Welt ist zynisch, grotesk, grausam und hoffnungslos. Hier wird gegen jegliche gesellschaftlichen Normen rebelliert. Dabei entwickelten sich die Horrorcomics, parallel zum eigentlichen Horroraspekt, auch zu einer bissigen Realsatire.

Somit üben diese Comics, auf ihre eigene Art und Weise, tatsächlich Gesellschaftskritik. Man kann sie als Prognose für den Verfall von Gesellschaft und Werten interpretieren. Doch damit nicht genug. Die Horrorcomics gehen noch weiter, indem sie das Prinzip von Zivilisation als solches diskutieren. Dabei gehen sie der Frage nach, was die menschliche Kultur eigentlich wert ist und was es braucht, um sie zu zerstören. Und was für einen Sinn eine Zivilisation macht, wenn niemand mehr zivilisiert sein will.

Durch die Art, wie diese Themen in den Comics behandelt wurden, wird einiges klar: Die Horrorcomics wurden von ihren Machern tatsächlich genutzt, um unterschwellige Gesellschaftkritik zu üben. Hierbei ist im Nachhinein nicht mehr festzustellen, inwieweit dies beabsichtigt war, was jedoch für ihre schlussendliche Aussage unerheblich ist.
Dabei wird sowohl die amerikanische Gesellschaft, Kultur sowie Zivilisation im Allgemeinen enorm negativ dargestellt. Somit findet sich in diesen Comics eine Demontage des Amerika der 50er Jahre und eine verzerrte Version dessen, wodurch eine klar antiamerikanische Einstellung erkennbar ist. Diese kann unter Betrachtung der damaligen, von politischen und gesellschaftlichen Spannungen geprägten Zeit ihres Erscheinens als absolut subversiv bezeichnet werden.

Doch die Ergebnisse verraten uns noch mehr. So war es der vorherrschenden Kommunismus-Paranoia wegen in der Öffentlichkeit verpönt, Amerika gegenüber kritische Meinungen zu äußern. Die Horrorcomics boten daher auch eine einzigartige Möglichkeit, derartige Themen anzusprechen und waren somit in gewisser Weise eine Möglichkeit der freien Meinungsäußerung.

Auch in humoristischer Hinsicht waren die Horrorcomics wegweisend. Spätere Comics wie MAD (welches 1952 in der Hochphase der pre-code Horrorcomics von EC gegründet wurde, jedoch auch nach Einführung des Codes bis heute weitererscheint) und Robert Crumbs Zap sind den Horrorcomics in Sachen bösartiger Humor und Realsatire sehr ähnlich. Somit etablierten die Horrorcomics jenes humoristische Konzept, das ernsthafte Themen aus der Gesellschaft aufgreift und mit scheinbar trivialer Unterhaltung eine Aussage dazu trifft. Hier zeigt somit sich auch klar der Einfluss der Horrorcomics auf die Popkultur, welcher ihre Bedeutung noch einmal untermauert.

Quellen:
Kleiner Auszug aus den meistbenutzten Büchern und Materialien:

Hajdu, David: The Ten-Cent Plague: The great Comic-Book Scare and how it Changed America, Picador 2009, 1. Auflage

Trombetta, Jim: The Horror! The Horror!: Comic Books the Government didn’t Want you to Read, Abrams ComicArts 2010, 1. Auflage

Wertham, F.: Seduction of the Innocent, Main Road Books 1953, 3. Auflage (im Internet einsehbar unter DIESEM Link).

ZEIT Geschichte 3 (2012): Der Kalte Krieg, Zeitverlag Gert Bucerius GmbH & Co. KG, 1.Auflage

Mengeles Erben – Menschenexperimente im kalten Krieg„: Dirk Pohlmann, Deutschland 2010 (auf YouTube)

Wer hat Angst vor Wilhelm Reich?„: Antonin Svoboda & Nicolas Dabelstein, Österreich 2009 (auf YouTube)

 

„Zur Soziologie und Psychologie des Horrorcomics der 1950er Jahre“
ist die komprimierte und gekürzte Fassung der „Besonderen Lernleistung“ (BLL)
von Sebastiano Trebastoni.
Eine BLL ist eine Schularbeit zu einem thematischen Interesse, die der Verfasser
in sein Abitur einbringen kann.

 


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Ein Gedanke zu „Zur Soziologie und Psychologie des Horrorcomics der 1950er Jahre

  1. Graf

    Hallo Sebastiano,
    Wir können nur sagen und feststellen: fantastische und extrem aufwändige Arbeit, unsere Hochachtung und Gratulation.
    Was ist nach Deinem Abi Dein Berufsziel ?
    Grüße von
    H. & M. Graf

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